Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 25 (1928)
- Issue
- Heft 1 (März 1928)
- Date
- 1928-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3537599-3537794-3537795--6715-3544743- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
schon eine diskutierbare Angelegenheit sieht. Ich bin wohl der älteste K.I.V.er, ich habe diese Entwicklung seit Kriegsende mit Liebe zu unserer Jugend und ernster Sorge zugleich gesehen und, viel in der Verbindung mitarbeitend, immer wieder mit starker Anteilnahme dazu Stellung genommen; ich darf wohl heute zu den Bundesbrüdern sprechen, wie ich und jetzt wohl schon Viele die Dinge im Kartell sehen. Am Anfang jeder national-jüdischen Jugendbewegung und am Anfang des Zionismus s elbst steht die Forderung der Neugestaltung des jüdischen Menschen, die Forderung, dem durch die Galuth verdrückten und verschobenen Menschen die verloren gegangene Harmonie zwischen Geist und Korper wiederzugeben, die das körperliche verachtende, einseitige Schulung des Geistes durch gleichzeitige Schulung und Kräftigung des Leibes zu überwinden, und den jüdischen Menschen wieder zu einem im höchsten Sinne schönen Menschen zu gestalten. Diese Forderung und das Streben nach ihrer Erfüllung war in dem Vorkriegskartell eine Selbstverständlichkeit, und wenn in den 12 Jahren bis zum Kriegsbeginn das Ideal auch gewiß nicht erreicht war, so hatte die glückliche Mischung von jüdischer und menschlicher Gesinnung, wie sie bei uns gepflegt wurde, ernstem geistigen Streben und froher Körperlichkeit doch die schönsten Menschen geschaffen, die das deutsche Judentum bis dahin besessen hatte. Frisches und heiter geselliges Leben ergaben sich bei solchen Menschen von selbst. Seit dem Kriegsende ist dieses anders geworden. Zwar hat bisher noch niemend bei uns gewagt, die Notwendigkeit dieser Umgestaltung des Galuthmenschen zu leugnen, sie geht sogar in der Phraseologie noch hier und da weiter mit wie bisher, das ist aber auch alles und wer das Kartell und die Jugend lie/bt und wer nicht durch eine besonders geistige Veranlagung, die keineswegs das Wesen der Geistigkeit für sich allein in Anspruch zu nehmen das Recht hat, wer in diese Art, die Welt zu sehen, nicht völlig verstrickt ist, sieht mit schmerzlicher Besorgnis diese Veränderung. Eine Führung und Erziehung zur Weckung und Pflege menschlicher Werte in unserer Jugend von Charakterbildung, Freundschaft, Vornehmheit der Gesinnung und der für die Jugend eines normalen Volkes selbstverständlicher Harmonie von Geist und Körper, ja, die auch nur ein Interesse für diese Dinge zeigt, hat vollständig aufgehört. Seit 10 Jahren geht hier die Erziehung einer Jugend ausschließlich auf zwei Ziele; Vermittlung von Wissen und Politisierung. Wo liegt die Schuld? Daß sie in den Zeitverhältnissen liegt, wie hier und da ausweichend geantwortet wird, ist einfach nicht wahr. Das konnte für die erste Nachkriegszeit zutreffen. Ich kann mir eine Widerlegung ersparen, will aber mit einer solchen gern aufwarten, wenn es gewünscht wird. Die Ursache ist die Eigenart derjenigen Bundesbrüder, die seit dem Kriege den stärksten erzieherischen Einfluß im Kartell haben. Hier will ich gleich mit aller Schärfe betonen: Meine Ausführungen sollen nicht Gegensätze verschärfen und Menschen, denen das Kartell zu größtem Dank verpflichtet ist und welche garnicht aus unserem Kreise wegzudenken sind, bekämpfen, sondern einer Verständigung dienen, an die ich glaube und die dringend nottut. Wenn schon nicht die Erkenntnis der wertvollen Leistungen dieser Bundesbrüder, die sie uns unersetzlich macht, jede unsachliche und unfreundliche Be- 25