Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 25 (1928)
- Issue
- Heft 1 (März 1928)
- Date
- 1928-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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einer gründlichen Darstellung der jüdischen Gegenwart in die bei uns üblichen Systeme des Unterrichts gegeben werden. Mir erscheint es wünschenswert, daß diese Darstellung am Eingang unseres Tendenzunterrichtes stehen sollte. Aber Forderungen dieser Art müssen bis jetzt daran scheitern, daß unsere Kursleiter in der Regel den Stoff nur in sehr ungenügendem Maße beherrschen. In unserer Kenntnis der jüdischen Gegenwart bestehen die größten Ungleichheiten. Die Situation der westlichen Juden ist uns aufs genaueste bekannt, die Analyse der jüdischen Lage in Deutschland ist in unseren Kursen aufs scharfsinnigste und bis in alle Einzelheiten ausgebaut, und ich möchte nichts von diesen Feinheiten missen. Aber sie dürfen uns nicht genügen, denn wir müssen uns darüber klar sein, daß der Frontabschnitt, in dem sie stehen und den wir so gu|t kennen, nicht der entscheidende ist. Vor einiger Zeit schrieb Krojanker in seinem Artikel „Wir wollen nicht sterben" in der Jüdischen Rundschau: „......denn für sie (die deutschen Juden) oder doch für einen wesentlichen Teil von ihnen trifft es tatsächlich zu, daß sie reif zum Sterben sind". Der Zionismus ist in Deutschland die einzige lebendig pulsierende jüdische Bewegung. Wer sind hier unsere Gegner? Die Masse derer, die sterben will, hat sich Sprecher gesichert, die ihrerseits für eine mittlere Linie zwischen Leben und Tod sind. Der allergrößte Teil dessen, was man in der C.V.-Zeitung gegen ihn liest, ist seinem Jnhalte nach nicht wert, von uns widerlegt zu werden. Es sind keine Worte, die uns zwingen können, in unseren Ueberlegungen tiefer zu schürfen. Vielleicht darf man auch für „in Deutschland" setzen: „in deutscher Sprache". Der Schluß von der Stellung des Zionismus als der einzig lebendigen Bewegung im deutschen Judentum auf eine ähnliche Stellung des Zionismus in der ganzen jüdischen Welt liegt umso näher, als Pinsker und Herzl deutsch geschrieben haben. Es läßt sich historisch erklären, daß die Grundgedanken des Zionismus in deutscher Sprache ausgesprochen wurden, aber jener Schluß ist unzulässig. Im deutschen Judentum ist der Zionismus ohne im tiefsten Sinne des ernsthaften Gegner, er ist vor allem konkurrenzlos. Das ist er anderswo nicht. Im „Dawar" war der Bericht über eine Versammlung zu lesen, die in Newyork vom Verband jüdischer Schriftsteller einberufen war und von 3000 Menschen besucht wurde. Diese Versammlung feierte in Begeisterungsstürmen die Erklärung Kalinins über die Gründung einer jüdischen auf Landwirtschaft basierten Republik in Südrußland. Es scheint mir, daß diese Versammlung und vor allem das, was dahinter steht, außerordentlich viel wichtiger ist, als etwa die Aktion unserer Gegner gegen das ProPalästina-Komitee. Aber unsere Kenntnisse dieser beiden Gegenaktionen sind umgekehrt proportional ihrer Bedeutung, und zwar ihrer Bedeutung für das jüdische Volk und das Palästinawerk, als auch ganz besonders ihrer erzieherischen Bedeutung für uns. Jene Tendenzen, die in der Newyorker Versammlung zum Ausdruck kamen, zwingen uns allerdings tiefer zu schürfen, sie fordern von uns außerordentlich ernsthafte Auseinandersetzungen. Schon die Erschließung der hebräischen Sprache bricht jenen Zauberkreis des jüdischen Schrifttums in deutscher Sprache, 23