Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 25 (1928)
- Issue
- Heft 1 (März 1928)
- Date
- 1928-03-01
- Page
- [Seite] (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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gilt es, zu erkennen, ob es Jugendbewegung in jenem früheren Sinne überhaupt noch gibt. Man muß diese Frage heut ewohl verneinen. Was an zionistischer Jugendbewegung heute existiert, ist entweder sozialistische Parteijugend (J.J.W.B.) oder Boy-Scout-Jugend. Zu beiden kann unsere Stellungnahme nur darin bestehen, daß aus unserem Kreis Menschen, die dazu willens und fähig sind, hineingehen, um an ihrem Aufbau mitzuarbeiten. Das Gleiche gilt von der jüdischen Turnerschaft, die ebenso wie die jüdischen Pfadfinderbünde Nachwuchs für unsere Verbindungen stellen kann. Zu einer rnabweisbaren Notwendigkeit ist jetzt die Auseinandersetzung mit den nichtzionistischen Jugendbünden, vor allem mit Kameraden, Jli und Kadimah geworden. Wir werden im nächsten Kartelljahr in engster Zusammenarbeit mit der Z.V.f.D. einen ganz großen Vorstoß zu unternehmen haben, der uns nicht nur um neue wertvolle Menschen, sondern auch um manche zionistische Erkenntnis bereichern kann. Im Rahmen dieses Artikels ist es nätürlich nicht möglich, auf die Einzelfragen, die sich hier ergeben, insbesondere auf unsere Stellung zum Brith Hanoar, der ein eminent wichtiger Faktor der zionistischen Jugend, zwar nicht Deutschlands, aber der Welt ist, gründlich einzugehen. Es ist auch nicht notwendig, da es sich in diesen Zeilen nur darum handelt, Aufgaben zu zeigen, nicht zu lösen. Neben diesen dringenden Aufgaben, deren Erledigung nur in einer Stellungnahme unseres Bundes, in einer politischen Aktion, bestehen kann, ist für unsere zionistische Weiterentwicklung die Diskussion der großen politischen Phänomene der Gegenwart von entscheidender Bedeutung. Wir stehen mitten in einem gewaltigen Umwandlungsprozeß der menschlichen Gesellschaft durch die kapitalistische Wirtschaftsweise, und wir sehen vor große revolutionäre Versuche zur Lösung der katastrophalen Krise, in die die Menschheit hineingeraten ist: den Sozialismus auf der einen Seite, und den Fascismus auf der anderen. Wir sehen wie die Formen der politischen Herrschaft sich ändern, wie der Begriff der Demokratie zurzeit einen ganz anderen Sinn hat, als um die Mitte des vorigen Jahrhunderts. Wir hören von den Vorstößen der Völker Asiens und Afrikas gegen die Herrschaft des Europäertums. Wir bemerken wie das British Empire (für uns Zionisten ein Gegenstand ganz besonderer Beachtung) seine politische, wirtschaftliche gesellschaftliche Struktur ändert. Wir kennen die Paneuropaidee. Kurz: Wir sind Zeugen einer historischen Entwicklung, deren Auswirkungen für unsere Bewegung wir heute noch nicht übersehen können, die den Sinn unseres zionistischen Wollens widerlegen kann, aber auch bejahen und als historisch notwendig erweisen. Zu all diesen Fragen hat das Kartell seit Jahren geschwiegen. Es sind die Fragen, die den denkenden Europäer von heute am meisten interessieren. Wer sich einmal mit ihnen befaßt hat, weiß wie unendlich schwierig sie sind und welch ein Maß von Fleiß, Kenntnissen, Schulung und last not least politischem Instinkt dazu gehört, zu ihnen etwas Richtiges und Ernsthaftes zu sagen. Aber eben gerade deshalb sind es unsere Aufgaben, Aufgaben jenes K.J.V., dessen vornehmste und stolzeste Pflicht es stets gewesen ist, das Judenproblem in seinen weltgeschichtlichen Zusammenhängen zu erkennen und zu verstehen. Wir haben in den letzten Jahren vielleicht keine Zeit dazu gehabt, diesen Dingen 18