Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 24 (1927)
- Issue
- Heft 3 (Dezember 1927)
- Date
- 1927-12-01
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Es ist selbstverständlich, daß am minderwertigen Objekt keine letztendigen Resultate zu erzielen sind. Es wäre also falsch und hieße mit untauglichen Mitteln am untauglichen Objekte arbeiten, wollte man mit dem technischen Rüstzeug des Vollwertigen an die Erziehung des Minderbegabten herantreten. Es ist vielmehr eine fruchtbare Erkenntnis der Pädagogik der letzten Jahre, daß das psychisch abwegige Kind nicht eine quantitativ geringere Abart des normalen Kindes sei. Dementsprechend ist es falsch, dieselben Erziehungsprinzipien und dieselben Ziele an solche Individuen heranzubringen wie an normale Kinder. Vielmehr bedeutet das psychisch abnorme Kind durchaus eine Welt für sich, ist nur aus sich heraus begreifbar und demgemäß auch erziehbar; d. h. bezüglich Weg und Ziel sind die jeweils zutreffenden seelischen und intellektuellen individuellen Möglichkeiten zugrunde zu legen. Für die Gesellschaft bedeutet naturgemäß das psychisch abnorme Kind jedweder Erscheinungsform eine erhebliche Erschwerung des Erziehungswerkes überhaupt, da die Fülle der psychopathologischen Varietäten auch eine Fülle von Erziehungsmodifikationen erforderlich macht. Dies darf jedoch, gesehen an den staatlichen Notwendigkeiten, für sich weitgehend sozial brauchbare, zum mindesten jedoch sozial eingliederungsfähige Individuen zu schaffen, nicht dazu führen, nichts zu tun, wie es zurzeit noch in Palästina geschieht, wo eine erhebliche Anzahl seelisch defekter Kinder völlig erziehungslos sich selbst überlassen bleibt. Wollen wir gefühlsmäßige Einstellungen einmal völlig außer Acht lassen, so erfordert es einfach die zum Teil schon jetzt bedrohte Sicherheit der Gesellschaft, hier schützend und helfend einzugreifen. Man ist hierzulande, besonders aber in Tel- Awiw, diesen Kindern gegenüber von einer Gleichgültigkeit (auch seitens der Behörden), die für spater zu schwersten Besorgnissen Veranlassung gibt. Es steht erfahrungsgemäß außer jedem Zweifel, daß gerade dissoziale Kinder mit mathematisch zu errechnender Genauigkeit, weil völlig frei von kollektivethischen Hemmungen und Korrekturen ihrer Handlungsweise, „sich nach dem Gesetze entwickeln, nach dem sie angetreten *. Solange das Gesetz sie schützt, können sie ungehemmt ihren abwegigen Trieben und Neigungen nachgehen, um später mit absoluter Sicherheit in der einen oder anderen Form kriminell zu werden, womit dann der Abschluß ihrer „sozialen"* Laufbahn gegeben ist. Ebenso steht aber fest, daß geeignete Psychopathenfürsorge, ihnen angepaßter Unterricht und Erziehung zum Leben in der Gemeinschaft, vielen dieser unglücklichen Geschöpfe den zum Leben in der Gesellschaft notwendigen sittlichen Halt gibt. Ich will ganz davon schweigen, daß solche abwegigen Kinder im engen Kontakt mit der Gemeinschaft sittlich verschlechternd auf die Aufzucht normaler Kinder wirken können und tatsächlich auch wirken. Produktiver Schutz der Gesellschaft ist notwendig und die Ausgaben einer gegenwärtig kostspieligeren Erziehung werden vielfach aufgewogen durch die Einsparung an unproduktiven Ausgaben, die später vielleicht der Gesellschaft aus der Notwendigkeit erwachsen, sich vor der Kriminalität ehemaliger psychopathischer Jugendlicher zu schützen. Aber auch der seelisch defekte Jugendliche hat ein Anrecht auf Erziehung im Rahmen seiner geistigen und sittlichen Fähigkeiten. Die