Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 24 (1927)
- Issue
- Heft 1 (Februar 1927)
- Date
- 1927-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 42)
- Language
- German
- Belongs to
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42 et Politisierung deren reales Dasein zu kümmerlich ist, als daß sie es vermöchten, die Wirklichkeit ihrem instinktiven Lebenswillen gemäß zu gestalten. Fast ein volles Jahrhundert war es das heiße Bemühen der griechischen Stadtstaaten, das politische Leben in Griechenland in einer gemeinsamen Organisation zu umfassen. Die Kunst der Überwindung ihrer wirtschaftlichen und ethnologischen Kümmerlichkeiten war ihnen versagt. Was sie an dessen Stelle schufen war die Idee von einem Staate, eine Utopie, die nirgendwo und überall sein kann, aber keinerlei Einfluß hatte auf die wirkliche Gestaltung des realen Lebens. In gleicher Weise entstand in Deutschland die Schrift: „Vom ewigen Frieden", die über Staaten und Völker redet, obwohl das deutsche Volk selber gerade im 18. Jahrhundert, dem Jahrhundert der Aufklärung, weder geschichtliches Bewußtsein noch politische Fähigkeit in genügendem Maße besaß, um sein eigenes Dasein kunstvoll und zweckmäßig aufzubauen. Der Römer hat nichts hervorgebracht, was sich den Schöpfungen Piatos oder Kants an die Seite stellen ließ. Und doch hat e r die Welt unterworfen, weil er mit der Fähigkeit begabt war, politisch zu denken und, was hier noch mehr entscheidend ist, politisch zu handeln. Das jüdische Volk trägt seinen Staat bereits seit zwei Jahrtausenden mit sich herum: es ist alles aufs beste eingerichtet; an alles ist gedacht, für alles und für alle ist gesorgt. Ob dieser Staat aber jemals Wirklichkeit werden wird, vermag nicht einmal für den günstigsten Fall vorausgesagt zu werden, nämlich für den Fall, daß einmal Palästina in rein geographisch-nationaler Hinsicht wirklich unser Land werden wird. Mir scheint, es ergibt sich daraus mit ziemlicher Deutlichkeit, in welcher Art und in welchem Maße Politik in der Gegenwart und in der Galuth möglich ist. Möglich und erforderlich ist sie überall der Idee nach. Das heißt, es ist überall „auf der jüdischen Gasse" möglich und erforderlich, daß in unseren Menschen diejenigen Elemente politischen Handelns gebildet werden, ohne welche ein solches politisches Handeln a priori undenkbar ist. Und dazu gehört nicht nur die Entwicklung bestimmter ethischer und administrativer Maximen, sondern auch die praktische Verwertung dieser Maximen in d e m Rahmen, in dem ein solches Praktikum möglich ist. Und dieser Rahmen wird für die verschiedenen Bezirke der Galuth verschieden abzustecken sein, womit auch die Möglichkeit und Notwendigkeit politischer Differenzierungen mitbestimmt wird. Er wird um so weiter sein, ein wirklich politisches Handeln (Politik im Sinne von politischer Kunst) um so mehr in den Bereich der Möglichkeit rücken, je mehr die nationale Energie von einer jüdischen Masse getragen wird, die überhaupt an ein ihr eigentümliches Leben gebunden ist, eigene Interessen vertritt, selbständig dem Alltag gegenübersteht. Das ist mehr oder weniger im Osten der Fall, das beginnt sich in Palästina durchzusetzen. Eine Kommunalwahl in Riga oder Warschau kann die