Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 24 (1927)
- Issue
- Heft 1 (Februar 1927)
- Date
- 1927-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3537599-3537790-3537791--6583-3544609- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Zum Kartelltag 37 res tun, als sie zu begraben, sang- und klanglos, ohne lange Leichenreden, die sie nicht verdient, — und sich dann der Zukunft zuzuwenden. Deren Aufgaben heißen Menschenwerbung und Menschtnerziehung. Für beide sind die Voraussetzungen zurzeit sehr ungünstig. Einerseits bietet die starke Entwicklung des sozialisti sehen Gedankens unter den Akademikern — die sozialistischen und kommunistischen Studentenbünde, besonders soweit sie nicht von Juden geleitet werden, haben oft ein außerordentlich hohes Niveau — andererseits die Ueberwindung des parvenuhaften Be rufsbanausentums in gewissen Schichten der jüdischen Bour geoisie und ein damit verknüpfter intellektueller, aber auch menschlich-geistiger Aufschwung der paritätischen schwarzen Verbindungen gerade den wertvollsten Assimilanten die Möglichkeit, sich als geistige Menschen gesellschaftlich einzugliedern, ohne das aufzugeben, woran ihnen am meisten liegt: die persön liehe Ungebundenheit. Zionismus aber bedeutet Bindung. Dazu kommt noch, daß unsere Verbindungen infolge des planlosen, menschen verbrauchenden Experimentierens der letzten fünf, sechs Jahre mit wenigen Ausnahmen schlecht sind. Deshalb ist es uns seit einiger Zeit in immer geringerem Maße gelungen, geistig bewegte Menschen zu gewinnen. Gute Verbindungen gilt es darum zu schallen. Gute Verbindungen sind nicht identisch mit intellektuellen Verbindungen. Zionistisches Pathos, menschliche Reife und Differenziertheit und unbedingte Disziplin sind die Grundlagen einer guten Verbindung. Diese Dinge kann kein Kartelltag beschließen. Aber er kann ihre Entwicklung erleichtern. Solange die aktivsten und fähigsten Bundesbrüder in den Korporationen in Kleinkram ersticken, sich das Material zu ihren Kursen mühsam selbst zusammensuchen, Informationen über die Absichten und Ziele des Präsidiums im Wege einer mühseligen und oft genug einseitigen Korrespondenz einholen, sich mit vierteljährlich wechselnden, mehr oder minder improvisierten politischen Parolen und Beschlüssen herumschlagen und daneben ihr Studium betreiben, vielleicht auch noch einen Beruf ausüben müssen, solange können sie für das Verbindungsieben kaum die Zeit, ganz gewiß aber nicht den notwendigen Schwung aufbringen. Vor allem aber leidet gerade bei denen, welche die Verbindungsarbeit ernst neh men, unter dieser zeitlichen Ueberlastung die menschliche Entwicklung. Und das ist am meisten zum Schaden der Verbindung. Schaffung einer arbeitsfähigen, arbeitswilligen, verantwortlichen Leitung, welche auf Experimente verzichtet, das Kartell geistig führt — statt ihm nur Parolen zu geben — unddurchihre Tätigkeit die in den Verbindungen wirkenden Bundesbrüder unterstützt, ist die vornehmste Pflicht des Kartelltages.