Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 24 (1927)
- Issue
- Heft 1 (Februar 1927)
- Date
- 1927-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 36)
- Language
- German
- Belongs to
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36 Zum Kartelltag Wird er es können? Das ist im wesentlichen eine Frage der Menschen. Die zionistische Organisation ist vielleicht nicht ärmer an Führerpersönlichkeiten als irgendein anderer politischer Verband oder eine Nation. Aber sie ist gewiß ärmer an sachlich qualifizierten praktischen Köpfen, die jenseits aller ideologischen Phrasen, theoretischen Haarspaltereien und persönlichen Eitelkeiten leitende Organisationsarbeit leisten können. Ein Jahrlausend Ghetto ist eben nicht so leicht auszulöschen. Es zu überwinden war die ebenso wichtige wie erzieherisch schwierige Aufgabe, welche sich die besten Menschen im K.Z.V. und B.J.C. einmal gesteckt hatten. Nicht ohne Erfolg. Dann kam. gleich nach der Gründung des K.J.V., der Krieg, der die Menschen auseinanderriß. Und dann kamen die Jahre des äußeren zionisti sehen Erfolges, die für das Kartell leider nicht nur Jahre des Experimentes, sondern auch Jahre der Gedankenlosigkeit und der Phrasen waren. Jugendbewegung, Chaluziuth, Berufsumschichtung, bündische Siedlung, Politisierung, Kampf gegen Bin jan Haarez. Austritt des B.Z.K., Blau-Weiß-Fusion, Defusion, Austritt des Erich-Rosenkranz-Bundes, Apathie, Hatikwah-Fusion mißlungene B.Z.K.-Fusion. Wiedereintritt des Rosenkranz-Bundes, neue Politisierung, Kampf gegen Revisionismus, mißlungene zweite Blau-Weiß-Fusion, — kurz ein Chaos der Improvisationen, eine traurige Parallele zur Entwicklung der Weltorganisation. Was Wunder, daß das oben gekennzeichnete Erziehungsziel verloren ging! *) Die Generationen, die zwischen 1917 und 1920, in der Zeit des stärksten idealistischen Aufschwunges aktiv, die selbst noch von besten alten Vorkriegs-K.J.V.ern erzogen wurden kamen ihm nicht selten noch nahe. Aber teils hineingezogen in jene ziellos unklaren Experimente, teils sie bewußt fördernd, waren sie außerstande, selbst Menschen anzuziehen und zu erziehen. Und heute fehlen im K.J.V. Menschen, so wie sie in der Weltorganisation fehlen. Der VII. Kartelltag wird die Jahre des Experimentes, der Improvisationen, beendigen müssen, wenn er es ernst meint mit dem Wiederaufbau des Kartells. Um den geht es. Nur eine sehr oberflächliche Betrachtung kann neben diesem Zentralproblem Dinge wie die Zurückziehung der Blau-Weiß-Fusion noch für aktuell oder gar für wichtig halten. Diese zweite Blau-Weiß-Fusion war vielleicht die improvisierteste aller Improvisationen, die sich ein K.J.V.-Präsidium geleistet hat, entstanden aus souveräner Verachtung der Wirklichkeit und doktrinärer Ueberspitzung der theoretisch richtigen Er kenntnis, daß eine erzieherische und organisatorische Zusammenfassung der zionistischen Jugendgruppen Deutschlands notwendig sei. Die Fusion ist tot. Und der Kartelltag kann nichts hesse- *) Ist diese Zusammenstellung nicht vielleicht auch eine Improvisation? Die Red.