Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 24 (1927)
- Issue
- Heft 1 (Februar 1927)
- Date
- 1927-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3537599-3537790-3537791--6556-3544582- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
10 Zur Kartellarbeit wieder den vielfachen Problemen, die gerade das jüdische Leben uns aufgibt, stellen. Nur in stetiger geistiger Auseinandersetzung können wir unserem Idealbild, dem politisch erzogenen jüdischen Manne, nahekommen. In diesem Zusammenhang muß kurz auf eine Diskussion eingegangen werden, die noch den Kartelltag beschäftigen wird: Die Frage der sogenannten Politisierung. Die bereits vorliegenden Beschlüsse der einzelnen Kartellorganisationen deuten daxauf hin, daß zum Teil hier unsere Ansicht mißverstanden worden ist. Uns lag der Gedanke völlig fern, das Kartell, als dessen wesentliche Funktion wir eine erzieherische ansehen, parteipolitisch nach irgendeiner Richtung hin zu binden. Eine parteipolitische Fixierung des Kartells ist—das muß mit aller Klarheit gesagt werden— eine Antinomie und auf die Dauer nicht mit einer gedeihlichen Entwicklung unseres Bundes vereinbar. Für uns handelt es sich um ein Zweifaches: um eine Erfüllung des Kartellebens mit politischem Inhalt und um das geeignetste Mittel, zu diesem von allen erstrebten Ziel zu gelangen. Sowohl mit Rücksicht auf die innerzionistische Situation, als auch aus einem richtig verstandenen Eigeninteresse des Kartells darf sich dieses nicht darauf beschränken, neben seiner wichtigsten Aufgabe der menschlich erzieherischen Wirkung unsere jungen Bundesbrüder nur in die zionistische Gedankenwelt hineinzuführen; ebenso wichtig ist die weitere Aufgabe, diejenigen, die uns bereits für immer verbunden sind, in der zionistischen Welt zu orientieren. Die Kenntnis dieser Welt ist, was wir alle empfinden, schwieriger geworden, die Entwicklung hat zu einer notwendigen Differenzierung geführt; die Wirklichkeit hat uns vor vielfache, von den Einzelnen kaum noch zu bewältigende Probleme gestellt. Es muß ein Weg gefunden werden, um das Kartell an diesem mannigfaltigen politischen Geschehen teilnehmen zu lassen. Daneben wird es für den deutschen Zionismus von Wichtigkeit sein, daß eine Generation erzogen wird, die von den einzelnen Notwendigkeiten des politischen Lebens eine reale Vorstellung hat, die nicht nur betrachtend es zu allgemeinen unverbindlichen Redewendungen bringt, sondern versucht, selbständig Stellung nehmend in der neu sich bildenden jüdischen Welt einzurichten. Politisierung bedeutet für uns, daß das Kartell vor allem auf seiner Gesamttagung, dem Kartelltag, den Versuch macht, in einer im bundesbrüderlichen Kreise geführten Aussprache über seine Orientierung in der jüdischen Welt Klarheit zu gewinnen. Es hat sich durch die Erfahrung der letzten Jahre unwiderleglich herausgestellt, daß der vom Kartell bis jetzt verfolgte lediglich betrachtende Standpunkt, bei dem es niemals zu einer Stellungnahme kam, nicht zu dem von uns angestrebten Ziel geführt hat. Wir lehnen eine Verquickung des Kartells mit irgendwelchen parteipolitischen Instanzen ab. Wir fordern ein Ringen der einzelnen politischen und weltanschaulichen Richtungen des Kartells um ihre Durchsetzung in unserem