Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 23 (1926)
- Issue
- Heft 4 (November 1926)
- Date
- 1926-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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iDaszionstische Bildungsproblem 97 Tendenz, sondern daß jener Prozeß von uns eben nicht anders zu fassen ist als von der Erkenntnis unserer Zeit überhaupt: als das Resultat gewisser gesellschaftlicher Vorgänge, als das Produkt soziologisch wägbarer Geschehnisse. Und so könnte man meinen, daß Bildung in diesem Sinne, behaftet mit der Aufgabe der Traditionsbildung im Sinne der realen Verkettung der Geschlechter, in unserer Lage nicht denkbar ist, weil der Gesellsehaftskörper unserer Nation, wenigstens im Westen, viel zu geschwächt und in sich zerfallen sei, als daß aus ihm selbst die Kräfte seines geistigen Aufbaus erwachsen könnten. In diesem Zusammenhange verweist man gern auf den Osten mit seiner immerhin kompakteren Masse und stellt di$ Dinge so dar, als wäre die Möglichkeit jenes Bildungsprozesses aus dieser Masse heraus soziologisch gegeben, mit anderen Worten: der Osten erscheint nach dieser Theorie als der Boden, auf welchem jüdischzionistische Erziehungs- und Bildungsprobleme, wenn auch mit gewissen Einschränkungen, gelöst werden können. Nun kann daran kein Zweifel bestehen, daß tatsächlich der jüdische Osten eine verhältnismäßig große Anzahl von relativ guten Erziehungsanstalten hervorgebracht hat, und daß die erzieherische Aufgabe im Osten dadurch wesentlich erleichtert wird, daß die Jugend ihren ordnungsmäßigen Bildungsweg eben von Anfang an (Kindergarten, Vorschule, Volksschule, Mittelschule, Fachschule, Fortbildungsschule, Gymnasium) in jüdischen Anstalten (zum sehr großen Teil in hebräischer und jidischer Unterrichtssprache) geht. Es ist aber zu bestreiten, daß der Gesellschaftskörper des Ostjudentums genügend stark ist für ein organisches Verhältnis zwischen ihm und seiner eigenen Schule. Das Verhältnis zwischen jüdischer Schule und Gesellschaft ist eben auch im Osten nicht ein solches, daß die Erziehungsresultate der Schule unmittelbar einmünden in eine lebendige Neugestaltung der Gesellschaft selbst, oder daß andererseits die Gesellschaft in vollem Umfange als Trägerin des jüdischen Schul werkes anzusehen ist. Auch der jüdische Osten ist Galuth. Auch seine Menschen, und oft gerade sie, sind umbrandet von vielfachen, häufig gegensätzlichen Kulturen und geistigen Strömungen aller Art, was den nicht erstaunen wird, der weiß, daß gerade die Oststaaten im eminenten Sinne Minoritätenstaaten sind, in denen die Ansätze jüdischer Kultur oder auch nur jüdischer Erziehungstendenzen fast durchweg unter dem Kreuzfeuer mindestens gleichwertiger Kulturen stehen. Unter diesen Umständen geht im Endresultat nur allzu häufig das mit vieler Mühe aufgezogene Produkt jüdischer Erziehungsanstalten und jüdischer Bildungsbestrebungen dem jüdischen Gesellschaftskörper verloren. Andererseits hat die jüdische Gesellschaft weder genügend Tradition, noch genügend Mittel, noch in vielen Fällen auch genügend klare Erkenntnis, um ein jüdisches Erziehungs- und Bildungswerk — im nationalen, d. h. im weltlichen Sinne — de facto