Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 22 (1925)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1925)
- Date
- 1925-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Brief aus Palästina 219 chen. Ich weiß daher nicht, ob auch bei ihnen der gleiche Eindruck besteht und ob Bestrebungen im Gange sind, diese Zustände zu verbessern. Wenn ja, so würde ich dieselben lebhaft begrüßen; wenn nein, so möge es späteren Briefen vorbehalten bleiben, entsprechende Vorschläge zu machen. Wenn heute — wie ich höre — wirklich bereits hundert Bundesbrüder in Palästina sind, so muß diese Tatsache auf die deutschen Verbindungen zurückwirken, ihre Arbeit erleichtern, ihre Sachkenntnis vergrößern. Tut sie das nicht, so liegt ein Organisationsfehler vor, dessen Behebung uns unendliche Vorteile bringen kann. Jeder K.J.V.er muß — ehe er nach Erez Israel geht, auf das genaueste über die Arbeit und die Lebensbedingungen, die ihn hier erwarten, unterrichtet sein. Nur so sind Enttäuschungen und mangelhafte Ausbildung zu vermeiden. Ausbildung aber, beste, fachmännische Ausbildung, ist das Wichtigste, was ein deutscher Akademiker mit nach Palästina bringen muß! Und ich möchte mich hier in allerschärfsten Gegensatz zu dem (auch schon redaktionell kritisierten) Ausspruch des Bbr. Mandelbaum (pg. 183) setzen, welcher glaubt, Ausdauer und Energie höher als praktische Kenntnisse bewerten zu sollen. Im Gegenteil! Es sollte kein Jude nach Palästina gehen, bevor er nicht in irgend einem Fache eine gründliche Ausbildung und mehrjährige Erfahrung hat! Nicht-Fachleute haben wir hier mehr als genug, Ausdauer und Energie besitzen die ostjüdischen Chaluzim in erstaunlichem Maße. Was uns fehlt, in jeder Kolonie, in jedem Betrieb, in jedem Kuhstall, sind Fachleute, d. h. Leute, welche nicht erst in mühseliger und kostspieliger Weise ihre Erfahrungen im Lande sammeln müssen und so jahrelang mehr oder minder unproduktive Elemente bleiben. Man möge deshalb den Bundesbrüdern sagen: der bessere Zionist ist derjenige, welcher seiner Palästina-Sehnsucht zugunsten gründlichster Ausbildung so lange wie möglich Zügel anlegt und erst dann nach Palästina geht, wenn er glaubt, in seinem Fach in Europa nichts mehr lernen zu können. Dies gilt für Kaufleute (welche englisch, französisch, hebräisch und arabisch sprechen können sollten), Handwerker (welche nicht nur einen Stiefel besohlen oder einen Tisch herstellen können, sondern auch einen größeren Betrieb kaufmännisch leiten können sollten), Ärzte (welche in allen Spezialitäten ausgebildet sein sollten und überdies die oben genannten Sprachen beherrschen müßten), Landwirte (welche gründliche Erfahrung in allen Dingen europäischer Landwirtschaft haben sollten, dann werden sie die hiesigen Variationen leicht hinzulernen), und alle anderen Berufe. Palästina darf für uns Deutsche kein Land des Lernens, sondern nur ein Land des Lehrens sein. Selbst dann aber, wenn wir auf das Lehren verzichten wollen, schon um uns hier eine Existenz zu schaffen, können wir auf sorgfältigste Ausbildung keinesfalls verzichten. (Vgl. die Ausführungen des Bbr. A. Schwarz 1. c.) Mit Maurermeistern, Tierärzten, Apothekern, Ingenieuren, Agronomen, Kaufleuten, Schlossern — um nur einige herauszugreifen — machen wir hier täglich die traurigsten Erfahrungen, weil sie Arbeiten übernehmen, denen sie nicht im Entferntesten gewachsen sind, und sich für Fachleute halten in Fragen, die ihnen zum erstenmal im Leben vor Augen kommen. Für den Kreis von Bundesbrüdern, mit denen ich in engerer Berührung stehe, den Aerzten der Cupath-Cholim (Krankenkasse der Histadruth) trifft dies nun zum Glück nicht zu. Es arbeiten — soviel mir bekannt — zur Zeit sechs Bundesbrüder ausschließlich für die Cupath, davon fünf in den Kolonien, einer in Tel-Awiv. Sie alle stehen