Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 22 (1925)
- Issue
- Heft 7 (Oktober 1925)
- Date
- 1925-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3537599-3537625-3537630--6410-3544488- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
218 Brief aus Palastina lieber Inhalt unserer Erziehung. Ihr entspricht das Ideal des jüdischen Staatsbürgers, welches eine so große Rolle in unseren Debatten, eine leider sehr viel geringere in unserem Leben spielt. Das K.J.V. ist eine politische Erziehungsgemeinschaft. Politische Erziehung ist Verstandes bildung. Nützlichkeit oder Schädlichkeit — das allein sind politische Kategorien — der zur Erreichung eines gegebenen Zieles gewählten Mittel beurteilen können, heißt zu politischem Denken, Handeln befähigt sein. Unpsychologische Weidfremdheit wäre es, zu glauben, man erwürbe diese Urteilsfähigkeit dadurch, daß man sich mit allen vertretenen politischen Ansichten vertraut mache und aus ihnen kraft rationeller Erwägung die richtige herausfinde. So unkompliziert ist das Leben, selbst das politische Leben, nicht. Man hat sich vielmehr aus zahlreichen, meist gar nicht ins Bewußtsein gekommenen Motiven bereits für eine Meinung entschieden (Vorurteil), ehe man überhaupt zum verstandesmäßigen, bewußten Urteil gelangt. Derartig apolitischer Urteilsbildung entgegenzuwirken, ist Aufgabe einer politischen Erziehung. Sie kann aber nur dann gelöst werden, wenn die Erzieher selbst eine politische Meinung haben und vertreten, eine Meinung, die im Interesse einheitlicher Erziehung einheitlich, eindeutig sein muß. Es ist bequem und unsinnig, dagegen den Einwand der Einseitigkeit zu erheben. Im Denken können wir vielseitig, im Tun — und Politik ist tun — müssen wir einseitig sein. Das ist das Gesetz alles historischen Geschehens. Das K.J.V. hat sich auf dem letzten Kartelltag das gegenwärtige Kongreßprogramm der Z.V.f.D. zu eigen gemacht. Man könnte dem Programm Jabotinskis oder der Poale Zion, dem der Hitachduth oder des Misrachi den Vorzug geben. Das ist Sache der zionistisch-politischen Anschauung des Einzelnen. Es besteht für jeden die Möglichkeit, die gegenwärtig im Kartell herrschende politische Richtung abzulehnen, zu bekämpfen und den Versuch zu machen, sie durch eine andere zu ersetzen. Solch politischer Meinungsaustausch im K.J.V. kann uns und dem ganzen Zionismus nur nützlich sein, zwei Dinge vorausgesetzt: Niveau und Charakter. Brief aus Palästina. Liebe Bundesbrüder! Die Veranlassung zu diesem Brief ist meine Lektüre des August- Heftes des J.St, welches gestern bei mir eintraf. Der Gesamteindruck, den dasselbe auf mich gemacht hat, ist der, daß es auch heute noch, trotzdem uns Palästina so erheblich nähergerückt ist als zu „meiner" Zeit, den meisten Bundesbrüdern sehr schwer fällt, sich ein richtiges Bild von Palästina und dem hiesigen Leben zu machen und dieses Bild anderen zu vermitteln. Ich hatte weiterhin den Eindruck, als ob die Schuld an diesem Zustand heute vor allem bei den in Palästina selbst lebenden Bundesbrüdern liegt, und als ob der Zusammenhang zwischen diesen und den vorerst „Daheimgebliebenen" ein unerwünscht loser sei. — Wenngleich ganz Erez Israel inklusive der Araber nocji nicht so viele Einwohner hat wie halb Berlin, und wenngleich ich schon dreiviertel Jahr im Lande und an den verschiedenen Orten tätig gewesen bin, habe ich noch lange nicht alle Bundesbrüder, welche im Lande sind, gespro-