Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Student · 1925-10-01 · Heft 7 (Oktober 1925) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
22 (1925)
Issue
Heft 7 (Oktober 1925)
Date
1925-10-01
Page
[Seite] (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3537599-3537625-3537630--6409-3544487
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Neutralität 217 mittelbar praktische Aufbauarbeit in Erez Israel war sein Problem. Seine galuthbedingte Aufgabe hieß vielmehr: jüdischen Menschen die krampfhaft verdrängte Kenntnis eigener Art wieder bewußt, ihnen die Unwürdigkeit, Unmöglichkeit der Assimilation klar zu machen, sie zu menschlich anständiger Haltung gegenüber dem Judentum zu erziehen. Diese Haltung war alles, was man forderte, fordern konnte. Sie erschöpfte sich im Bekenntnis zum Baseler Programm, im Kauf des Schekels, im Verfechten der Zionsidee gegen die assimilantische Umwelt. Im Rahmen dieses durchaus unrevolutionären, liberalen Zionismus war ein B.J.C., ein K.Z.V. möglich, das — untereinander durch unwesentlich gewordene Nuancen differenziert — sich tendenzmäßig mit einem allgemeinen Bekenntnis zu nationalem Judentum begnügte, mit einem gesinnungsmäßigen Formalismus, in dessen Weite ein zwar echtes, aber verflachtes Zionsempfinden sich entwickelte. Der Krieg hat zwei Tatsachen gebracht, die für unsere Bewegung grundstürzend geworden sind: das Mandat (den Charter) und das Akutwerden der seit Jahrzehnten latenten europäischen Kulturkrisis. Palästina als völkerrechtlich anerkannte Heimstätte für das jüdische Volk ist Ereignis, Palästina als völkerrechtlich gesicherte Heimstätte des jüdischen Volkes ist Aufgabe geworden. Eine höchst reale, eine überaus schwierige Aufgabe. Der Wege zu ihrer Lösung bieten sich viele, verschieden je nach dem Standpunkte des Betrachters. Welchen die zionistische Politik zu gehen habe, das wird für die nächste Zukunft Inhalt der innerzionistischen Auseinandersetzung sein. Interessenverschiedenheiten, die Fragen, ob Palästina landwirtschaftlich oder industriell, orthodox oder freigeistig, national oder philantropisch, unter Vorwalten der Sozial- oder der Privatinitiative aufgebaut werden solle, haben zwangsläufig zu Gruppierungen, Programmen, Parteien geführt. Und der westeuropäische Zionismus, dem wir die theoretische Fundierung gerade der politischen Dinge verdanken, steht führend mitten in diesem politischen Kampf. Kann unter diesen Umständen eine zionistische Erziehungsgemeinschaft wie das K.J.V. innerzionistisch neutral bleiben? Die Neutralität der Vorkriegszeit war bedingt durch den Mangel einer unmittelbaren Aufbauaufgabe. Anstelle des Mangels steht heute eine Überfülle der Probleme. Ein denkender Zionist kann gar nicht umhin, zu ihnen Stellung zu nehmen. Daß diese Stellungnahme Sache des Einzelnen, nicht des Kartells sei, war lange genug Dogma, um auch heute noch von manchem geglaubt, d. h. kritiklos für wahr gehalten zu werden. Ein immerhin demokratischer, ja ein wahrhaft liberaler Glaube: laisser faire — laisser passer: jeder für sich, Gott für uns alle. Man kann natürlich diese Ansicht teilen. Nur darf man dann nicht behaupten, Zionist zu sein. Denn Zionismus ist eine nationale Bewegung. Und es dürfte allmählich zur Binsenwahrheit geworden sein, daß national und liberal schlechthin unvereinbare Gegensätze sind. Ist doch der nationalen Weltanschauung immanent die Vorstellung von der Absolutheit des Volkstums, der liberalen dagegen die von der Absolutheit des Individuums. Das K.J.V* ist eine Erziehungsgemeinschaft. Erziehung ist Charäkterbildung. Entwicklung bestimmter charakterlicher — und zwar nicht so sehr individualcharakterlicher wie gruppencharakterlicher — Züge, Entwicklung eines energievollen jüdischen Menschen ist wesent-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.