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Der jüdische Student · 1925-08-01 · Heft 6 (August 1925) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
22 (1925)
Issue
Heft 6 (August 1925)
Date
1925-08-01
Page
[Seite] (sequence 12)
Language
German
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176 Aus der Korrespondenz des Präsidiums eine bestimmte Liste festgelegt hat, so halte ich diesen Schritt für tief bedauerlich. Was da geschieht, widerspricht dem zionistischen Selbst bestimmungsrecht der Bundesbrüder, dem Wesen einer freien Wahl und der richtigen Auffassung von den Aufgaben des Kartells. Die Folge ist die Züchtung einer vorschriftsmäßigen, gouvernementalen Gesinnung. Ich muß für meine Person solche Dekrete zurückweisen. Ich bin länger als ein Vierteljahrhundert in der zionistischen Bewegung aktiv tätig. Ich habe mich auch immer bemüht, mir über alle zionistischen Fragen klar zu werden. Glaubt Ihr wirklich, daß die Stellungnahme des Präsidiums des Kartells zu einer Kongreßwahl auf meine Entscheidung irgendwelchen Einfluß ausüben könnte? Wie mir, wird es aber allen denkenden Bundesbrüdern gehen. Mit bundesbrüderlichen Grüßen Lieber Bundesbruder! Wir bestätigen dankend den Eingang Deines Briefes vom 31. Juli, in dem Du die Stellungnahme des Präsidiums zu den Kongreßwahlen monierst. Der Inhalt Deines Briefes ist uns an sich ganz verständlich, da, wie uns wohl bewußt ist, für die Arbeit des Kartells und die Auffassung der Grenzen seines Tätigkeitsbereichs früher eine derartige Stellungnahme des Präsidiums, wie wir sie diesmal eingenommen haben, nicht möglich war. Auf der anderen Seite handelt es sich bei unserem Vorgehen nicht um einen unbedachten, plötzlichen, vielleicht sogar durch äußere Beeinflussung entstandenen Schritt, sondern er ist die Konsequenz einer Politik, die wir auf dem Kartelltag vertreten haben, und die nach sehr ausgiebigen Debatten von der Mehrheit des Kartells, deren Beauftragte wir sind, gebilligt wurde. — Ich bitte Dich um die Freundlichkeit, Dir den letzten J.St. anzusehen, in dem ich den Versuch gemacht habe, sehr ausführlich auseinanderzusetzen, aus welchen Gründen eine bis jetzt von uns geübte innerpolitische Neutralität nicht mehr möglich sei. Ich würde sehr gern Deine Ansicht zu diesen sachlichen Argumenten hören und noch lieber mich mit Dir — ich hoffe, daß dazu über kurz oder lang Gelegenheit sein wird — auseinanderzusetzen. Ich bin allerdings der Meinung, daß das Kartell eine zionistische Zukunft nur dann haben wird, wenn man den Mut hat, für ganz bestimmte Erziehungsideale einzutreten und jene Neutralität, die übrigens nicht nur im Kartell zu einer jahrelangen Stagnation geführt hat, zu überwinden. Ich möchte aber Deinen Ausführungen gegenüber ausdrücklich unterstreichen, daß in keiner Weise daran gedacht ist, das Selbstbestimmungsrecht der Bundesbrüder auszuschalten oder auch nur in irgendeiner Weise zu beschränken. Jeder Bundesbruder, der im Kartell für eine andere Meinung eintritt, hat die Möglichkeit, sie in Wort und Schrift zu vertreten und den Versuch zu machen, die Mehrheit des Kartells für seine Ansichten zu gewinnen. Die naturgemäße Folge wäre dann, daß das Präsidium, falls es auf einem Kartelltag unterliegt, zurücktritt und einem solchen Platz macht, das der neuen Majorität entspricht. Ich glaube, daß es — und Du wirst vielleicht mit mir darin übereinstimmen — für das Kartell nicht das Schlechteste wäre, wenn anstelle der etwas armseligen Unterhaltungen, die wir in den letzten Jahren geführt haben, eine wirkliche Auseinandersetzung über innerzionistische Fragen treten würde.

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