Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 22 (1925)
- Issue
- Heft 4-5 (Juni 1925)
- Date
- 1925-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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130 Nach dem Kartelltag Aber man verkannte darüber keinen Augenblick, daß die Linie aufwärts führt, und daß Wankelmut und Kleingläubigkeit Todsünden sind bei einem Organismus, der jugendliche Menschen erziehen will. Und das ist um so merkwürdiger, als das Gerede \on der Krise gerade im K.J.V. viele Jahre nicht verstummt ist, sowohl vor wie nach der Fusion. Was hat diese Änderung hervorgerufen? Ich möchte die Antwort einmal so formulieren: Das K.J.V. hat heute die Gewißheit, daß es wenigstens die zionistischen Auf gaben, die das Vorkriegs-K.J.V. zu lösen verstand, seinerseits ebenfalls zu lösen vermag. Vor dem Kriege war die Aufgabe des Kartells, junge jüdische Menschen aus der Assimilation zu gewinnen und ihren Charakter so umzuformen, daß sie begeisterte, zuverlässige und aktive Zionisten wurden. Für den Außenstehenden erschien die Arbeit des Kartells vornehmlich in zwei Tatsachen: Junge Menschen, bisher Assimilanten, traten dem Kartell bei und bedeuteten wieder einmal einen Einbruch in die assimi lantische Front, und in jedem Jahre verließ ein Teil dieser jungen Menschen nach Beendigung seiner Studien das Kartell, trat in die zionistische Bewegung ein und verstärkte ihre Reihen. Um es gleich in diesem Zusammenhang zu sagen: die Klagen über das Versagen der Vorkriegsaltherrenschaft scheinen mir durchaus übertrieben. Kein Bund kann alle Menschen, die er wirbt, wirklich im Sinne seiner Erziehungsziele umformen, oder, wie es Blumenfeld gesagt hat, wir müssen immer mit einem hohen Prozentsatz von Verschnitt arbeiten. Ich schätze, daß von den Alten Herren der Vorkriegszeit heute mehr als ein Viertel sich entweder in Palästina befindet oder in Deutschland aktiv im zionistischen Leben steht. Das ist kein befriedigendes Ergebnis, aber nach der Natur der Dinge ist ein besseres kaum zu erwarten. Ich werde unten auf die Konsequenzen zurückkommen, die diese Erkenntnis für die Altherrenfrage haben sollte; hier galt es für mich nur, die Leistung des Vorkriegs-K.J.V. kurz zu charakterisieren. Ich behaupte nun also, daß die Leistung des heutigen Kartells der des Vorkriegs-K.J.V. nicht mehr nachsteht. Die Werbeerfolge, die ja erst neuerdings überhaupt wieder möglich geworden sind, weil erst jetzt wieder jüdische Abiturienten zu studieren beginnen, sind keineswegs schlecht und werden zweifellos noch steigen, je mehr die Werbearbeit sich wieder als möglich und lohnend erweist. Die Durchführung des Maaßerprinzips, die von Instanzen des Keren-Hajessod als eine ausgezeichnete betrachtet wird, beweist, daß das K.J.V. der zionistischen Bewegung wieder zuverlässige Anhänger zu erziehen vermag. Mehr als das. Der Eindruck, den ich aus den beim Präsidium eingelaufenen Berichten und aus manchen Gesprächen beim Kartell erhalten habe, geht dahin, daß heute im Kartell ernsthaft Hebräisch gearbeitet wird, und die diesbezüglichen Beschlüsse des ^artelltages werden es in Zukunft noch mehr als früher unmöglich machen, daß Bun-