Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 22 (1925)
- Issue
- Heft 4-5 (Juni 1925)
- Date
- 1925-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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114 Die Aufgaben des KJ.V» unsere Stellung der Nachprüfung bedarf. Thesen werden noch nicht dadurch sakrosankt, daß sie eine Zeit lang allgemeine Anerkennung gefunden haben, geänderte Situationen fordern geänderte Beschlüsse. Es war immer unser Bestreben, unser Kartell eng verbunden zu wissen mit der Entwicklung der zionistischen Gesamtbewegung. Diese aber hat gerade in letzter Zeit in erster Linie unter dem immer stärker sich bemerkbar machenden Einfluß Palästinas ihre Physiognomie grundlegend geändert. Eine übertriebene restlos durchgeführte Neutralität würde uns zu einer geistigen Sterilität in unserer Stellungnahme zu den immer wichtiger werdenden innerzionistischen Fragen verarteilen. Diese forcierte Neutralität hindert uns, zu gewissen inhaltlichen Forderungen, zu den für jeden Zionisten brennendsten Fragen der Gegenwart Stellung zu nehmen, ihre Folge ist nicht selten eine geistige Verflachung. Die Entwicklung der letzten Jahre, in deren Mittelpunkt das Agency-Problem, die Beteiligung der Nichtzionisten am Aufbau steht, läßt eine klare Abgrenzung der Zionisten und der zionistischen Organisation von den Palästinafreunden und ihren Institutionen erforderlich erscheinen. Die Kriterien, die für die Abgrenzung maßgebend sein werden, werden dem entnommen werden müssen, was ich den innerpolitischen Fragenkomplex nennen möchte: Nicht mehr genügend ist es, den Aufbau Palästinas als solchen zu wollen, für Zionisten wird immer mehr entscheidend das „Wie" des Aufbaus, die Vorstellung, die sie vom Werden unserer nationalen Heimstätte, des jüdischen Pa lästinas haben. In der heutigen Situation erscheint mir eine andere Auslegung des Begriffes der Neutralität, wenn man will, auch eine Einschränkung erforderlich. Was folgt praktisch aus dieser Erkenntnis? Hier muß zunächst einem vielleicht möglichen Mißverständnis entgegengetreten werden. Kein Mensch denkt daran, qua K.J.V. jetzt Stellung zu nehmen zu allen aktuellen politischen Geschehnissen. Nicht dies ist der Sinn unserer Ueberlegung, er ist vielmehr darin zu sehen, daß wir glauben, daß eine Erziehungsgemeinschaft die Fähigkeit und Kraft haben muß, ihren Mitgliedern konkrete und so erst Menschen wirklich verpflichtende oberste Erziehungswerte zu setzen. Die Unausgeprägtheit all unserer Verhältnisse ließ früher die Parole „Erziehung zum palästinensischen Staatsbürger" richtig und ausreichend erscheinen. Heute muß unser T^rziehungsbild konkretisiert werden, der Idealtyp des K.J.V.ers ist nicht mehr der palästinensische Staatsbürger schlechthin, sondern der von einer ganz bestimmten, den Anforderungen nationalen Aufbaues gerechtwerdenden Prägung. Es ist nicht zu verkennen, daß die völlig eindeutige begriffliche Definition dieses Typs, überhaupt des von uns Erstrebten schwer zu geben ist. Doch spricht dies nicht gegen die Richtigkeit unserer Erkenntnis, derartige Entwicklungstendenzen lassen