Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 22 (1925)
- Issue
- Heft 4-5 (Juni 1925)
- Date
- 1925-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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108 Die Aufgaben des K.J.V. gehoben zu werden, daß mit diesen Ueberlegungen die Frage des akademischen Rahmens in engerem Sinne, d. h. die Aufnahme von Nichtakademikern, nichts zu tun hat. Es ist selbstverständlich, daß dieses soeben betonte Erziehungsziel nicht nur für Akademiker Geltung hat, einzelne mit ganz anderem Entwicklungsgang werden ihm vielleicht sogar näher stehen als die Mehrheit unserer Menschen. Entscheidend ist nur, daß auch in dem bereits in letzter Zeit erheblich erweiterten Bunde das Prinzip als solches, Erziehung von geistig bewegten, zu selbständiger kritischer Stellungnahme fähigen Menschen von unbedingter nationaler Zuverlässigkeit gewahrt wird. Diese zionistische Aufgabe durchzuführen, ist als Gruppe jedenfalls keine Organisation so prädestiniert wie das K.J.V. Diese verpflichtende Auffassung der Aufgaben des zionistischen Akademikers werden wir durchzusetzen suchen in der zionistischen Welt und uns vor allem auch an die Jüdische Studentenschaft zu wenden haben. Es gibt heute eine anscheinend sich aufwärts entwickelnde Weltbewegung jüdisch-zionistischer Akademiker, die sich zusammengefunden haben zu gemeinsamer Arbeit im Interesse unseres Volkes. Hier wird dem Kartell eine besondere Aufgabe erwachsen. Die Zurückhaltung, die man gerade auf diesem Arbeitsgebiet von uns — und zwar mit Recht — festgestellt hat, war keine willkürliche, zufällige. Es soll vielmehr nicht verschwiegen werden, daß wir schwere Bedenken gegen die Arbeitsmethoden haben, die wir sowohl von Seiten des Jüdischen Weltstudentenverbandes wie der korrespondierenden zionistischen Organisation sehen. Wir treten ein — und werden dies von jetzt an mit Nachdruck tun — für eine Bewegung mit wahren, Menschen verpflichtenden Inhalten, wir werden kämpfen gegen eine leerlaufende Organisation mit allzu viel Aufmachung und Gesten. Ich will nicht auf Einzelheiten eingehen, aber wenn man die Verhandlungen des Antwerpener Jüdischen Studententages mit denjenigen des englischen Studentenkongresses, der kürzlich in Oxford stattfand, vergleicht, so wird man zugeben müssen, daß sehr viel zu bessern ist. auch wenn man berücksichtigt, daß Antwerpen erst ein Anfang sein sollte. Bei uns übergroße Freude an Repräsentation, an Namen, in Oxford Sachlichkeit und wirkliches politisches Verständnis. Im Mittelpunkt derartiger Bewegungen muß eine ernsthafte Erziehungsarbeit stehen. Einzelne Gruppen sollen sich kennen lernen und miteinander ringen um die Gestaltung unseres Landes, gemeinsam die Sorgen für das Aufbauwerk tragen. Diese Erziehungsarbeit entspricht nicht Speziahvünschen von uns, sondern ist eine Lebensnotwendigkeit. Der Charakter sehr vieler zionistisch-akademischer Gruppen steht in einem merkwürdigen Kontrast zu den Tendenzen Palästinas. Für zionistische Studenten sollte Couleurwesen und Satisfaktion eine überwundene Sache sein, muß man an Max Webers treffliches Wort von den „lackierten Plebejern" erinnern,