Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 22 (1925)
- Issue
- Heft 4-5 (Juni 1925)
- Date
- 1925-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Aufgaben des KJ.V. 107 reihen von Erheblichkeit, zwei große Arbeitsgebiete ergeben sich für uns, in denen das Kartell spezifische Aufgaben zu erfüllen hat. Der akademische Charakter unseres Bundes stand jahrelang bei uns gering im Kurs. Wenn wir glauben, diese Seite unserer Bewegung heute wieder mehr betonen zu sollen, so ist eine grundsätzliche Bemerkung notwendig, die insbesondere in Deutschland nicht unterlassen werden kann. Wir lehnen jene Auffassung mit allem Nachdruck ab, die in dem Akademiker einen privilegierten Stand sieht, der durch Exklusivität, richtiger geistige Inzucht, für seine Angehörigen eine sozial bevorzugte gesellschaftliche Stellung beansprucht* Kein Schlagwort ist so sehr anfechtbar, so inhaltlose, aber verhängnisvolle Phrase wie jene gerade in Deutschland häufig aufgestellte Forderung, Akademiker seien die berufenen Führer des Volkes. Ganz abgesehen davon, daß man Führerpersönlichkeiten . nicht durch Aufstellung prätentiöser Erziehungsziele züchten kann — sie wachsen aus sich heraus durch selbstlose Hingabe an ein überpersönliches Werk — erstehen wirkliche Führer aus allen Schichten. Eine Analyse der Fähigkeiten, die heute den politischen Führer — um diesen handelt es sich — ausmachen, ergibt, daß die akademische Bildung als solche zur politischen Führung in keiner Weise prädestiniert. Das akademische Prinzip, soweit wir es überhaupt betonen, kann für uns lediglich Verpflichtung, niemals Berechtigung bedeuten. Nach dieser notwendigen Klarstellung kann nunmehr positiv gesagt werden: für uns resultiert das Wesen einer akademischen Bewegung aus der besonderen soziologischen Stellung des Akademikers. Er hat weitgehendste Entwicklungsmöglichkeiten, die ihm erlauben, harmonisch alle geistigen Kräfte zu entwickeln, einem bestimmten Bildungsideal zu leben. Er vornehmlich besitzt die Fähigkeit, die differenzierte Welt in ihrer Ganzheit aufzunehmen, auch für ihn gibt es das Glück der Entscheidung, aber eine anerzogene Sachlichkeit läßt ihn auch ihm nicht entsprechende Weltbilder verstehen, macht ihn zum geeigneten Träger geistiger Auseinandersetzungen. Die Entwicklung dieser Eigenschaften ist in der letzten Zeit auch bei uns erheblich zurückgegangen, es muß uns gelingen, unser Bildungsniveau wesentlich zu heben. Die zionistische Welt braucht geistig durchgebildete Menschen mehr denn je, die Forderung nach erneuter Ideenpropaganda ist unbestritten. Es gilt, Träger dieser Arbeit, Verwirklicher dieser Forderung zu schaffen. In diesem Zusammenhang kann nur angedeutet werden, daß das Zusammenleben verschiedener heterogener jüdischer Gruppen, insbesondere auch in Palästina, durch ein durch wirkliche Bildung geschaffenes Verstehen wesentlich erleichtert wird. Nachdem wir uns sozusagen daran gewöhnt haben, den Charakter des K.J.V. als akademische Gruppe immer nur zu negieren, scheint es uns wichtig, auch einmal den positiven Gehalt dieser Tatsache zu betonen. Es braucht kaum ausdrücklich hervor-