Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 22 (1925)
- Issue
- Heft 3 (Mai 1925)
- Date
- 1925-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3537599-3537625-3537627--6287-3544362- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Riga 3× ep/1000826
OCR text
jüdische Eindrücke aus Riga 95 100 Delegierten bestehenden Parlament (Sejm) ist die jüdische Minderheit durch sechs Abgeordnete vertreten, die fünf verschiedenen jüdischen Parteien angehören. (Die deutsehe Minderheit hat ebenfalls sechs Deputierte, die zu einer „deutschen Fraktion" zusammengeschlossen sind.) Im Februar dieses Jahres fanden in Riga Stadtverordnetenwahlen statt: Von den 23 Kandi datenlisten, die als Wahlvorschläge eingereicht wurden, stammten zwölf von lettischen Wählergruppen und elf von solchen der Minderheiten, die ja in Riga recht stark vertreten sind und etwa ein Drittel der Wählermassen repräsentieren. Die Deutschen reichten eine Kandidatenliste ein, die Russen drei, die Polen eine, eine Sondergruppe eine; unsere Juden aber, an Seelenzahl ebenso stark wie die deutsche Minderheit, reichten fünf Kandidatenlisten ein, um so die Uneinigkeit nach außen zu dokumentieren. Eine einheitliche jüdische Gesellschaft gibt es in Riga nicht; eine jüdische öffentliche Meinung ist nicht vorhanden. Infolge dieser Zerrissenheit gibt es auch keine jüdische Presse. Denn Svas bedeuten die zwei jiddischen Zeitungen Lettlands neben den 115 lettischen, elf deutschen, sieben russischen und drei englischen Tageszeitungen! Ein leidiges, unerquickliches Thema ist die Sprachenfrage. Jiddischisten und Hebräisten stehen sich in voller Öffentlichkeit — d. h. im lettländischen Parlament — als Gegner gegenüber. Jede dieser Gruppen behauptet, die wahre jüdische Nationalsprache zu sprechen und gepachtet zu haben. Die anderen Juden, die deutsch oder russisch sprechen, werden, nach westeuropäischem Vorbilde, kurzweg „Assimilatoren" genannt; eine falsche Bezeichnung; denn da die Hebräer — so lautet die offizielle Benennung — als völkische Minderheit von Staats wegen anerkannt sind, fühlt jeder Jude hier jüdisch-national (wenn auch nicht im Sinne der zionistischen Parteidoktrin), mag seine Familien spräche auch deutsch, russisch oder polnisch sein. Diesem Nationalgefühl können die lettländischen Juden durch Gründung^ jüdischer Schulen Ausdruck geben. Der lettische Staat ist den Juden, wie allen andern Minderheiten, entgegengekommen und hat ihnen gestattet, Minderheitenschulen mit nichtlettischer Unterrichtssprache zu eröffnen. Im Gebäude des lettischen Unterrichtsministeriums befinden sich auch die Amtsräume der Chefs des deutschen, jüdischen, russischen, polnischen Bildungswesens. Bis zum Jahre 1924 gab es in Riga viele Schulen mit jiddischer Unterrichtssprache, ferner das hebräische Gymnasium und jüdische Schulen mit russischer Sprache. Seit dem letzten Schuljahre besteht die von mir geleitete Esraschule mit deutscher Unterrichtssprache, gegründet von führenden kurländischen Juden, die einst, in ihrer Jugendzeit, ganz in deutsch-lettischem Sinne erzogen wurden, sich aber, unter dem Einfluß des zionistischen Gedankens und der völkisch-chauvinistischen Welle, stark auf