Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 22 (1925)
- Issue
- Heft 3 (Mai 1925)
- Date
- 1925-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 40)
- Language
- German
- Belongs to
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94 Judische Eindrücke aus Riga zur Kultur zu finden, ein nationales. Jetzt, wo wir daran gehen, den Organismus der Nation zu bauen, müssen wir ihm sein charakteristisches Gepräge geben, das auch ehemals ihn erst zum Organismus des jüdischen Volkes machte, müssen zur Form den Inhalt fügen. Ich glaube nicht, daß wir die Dinge vorbehaltlos übernehmen können und werden, aber erst müssen wir sie kennen lernen und uns von ihnen erfassen lassen, bevor eine neue organische Entwickelung einsetzen kann. Dann erst werden wir zu der modernen Kultur als Juden Stellung nehmen können, wenn wir sie als Juden sehen. Und das eigentlich Jüdische liegt in den Kultur dingen verborgen, die, seit dem Gallith starr und jeder Entwickelungsinöglichkeit beraubt, doch — in uns allen schlummernd — stark genug waren, unser Nationalgefühl zum Wiedererwachen zu bringen. Und wir werden die jungen Menschen, die zu uns ins Kartell kommen, erst ganz, unbedingt und fürs Leben gewinnen können, wenn wir für sie auf alle Fragen, die sie an das Leben stellen, die wahrhaft jüdische Antwort finden. Zuerst soll man ihnen in den Fuxensemestern die politische Erziehung geben, nach dem Burschenexamen sollen sie den kulturellen Dingen zugeführt werden und das Judentum in seiner umfassenden Bedeutung «kennen lernen. Vielleicht verlängert man die Fuxensemester um eins, damit die hebräischen Kenntnisse soweii gefördert sind, daß die Voraussetzung für das Eindringen in die Kulturkomplexe gegeben ist. Mir scheint diese Aufgabe groß genug zu sein, eine geistig bewegte Jugend zu erfüllen und ganz ihrer Idee zu verpflichten. Werden wir ihr gewachsen sein? Möge der Kartelltag dafür einen ersten Beweis geben. Jüdische Eindrücke aus Riga. Von Paul Michaelis, Direktor der Esraschule in Riga. V.J.St. Hasmonaea, Berlin. A. H. Unser verehrter Gesinnungsgenosse Sammy Gronemann hat in seinem Roman „Tohuwabohu" eine so lebenswarme Schilderung des jüdischen Ostens und seiner Bewohner gegeben, daß der westeuropäische Jude mit hochgespannten Erwartungen dem Osten entgegenreist. Er wrird aber arg enttäuscht; jedenfalls treffen Gronemanns Schilderungen nicht auf Lettland, und insbesondere nicht auf Riga, zu, obwohl dieser neue Staat und seine Hauptstadt starken jüdischen Zustrom aus dem eigentlichen Osten zu verzeichnen haben. Nirgends habe ich das Judentum uneiniger und zersplitterter gesehen als in Lettland. Zwei Beispiele als Beweis für meine Behauptung: Im lettländischen, aus