Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Student · 1925-05-01 · Heft 3 (Mai 1925) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
22 (1925)
Issue
Heft 3 (Mai 1925)
Date
1925-05-01
Page
[Seite] (sequence 39)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3537599-3537625-3537627--6285-3544360
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Zionismus und Kultur 92 daß er an das Judentum mit Begriffen herangeht, die ihn kaum von einem typisch assimilierten deutschen Juden unterscheiden, daß er das Judentum nicht kennt und in ihm nur „Religion" sieht. So kommt er dazu, die Fragestellung „Zionismus und Religion", die an sich durchaus möglich, aber heute noch lange nicht reif für eine Aussprache ist, so zu beantworten, als ob die Fragestellung „Zionismus und Judentum" gewesen wäre. Sein entscheidender Fehler ist die Identifizierung von Judentum und religiösem Judentum. Historisch gesehen waren die Kriterien des alten lebendigen Judentums bis zur Gallith dreifacher Art: Nationalgefühl, Kultur und Verhältnis zu Gott, zum Transzendentalen, drei Dinge, von denen die ersten beiden wiederum das Kriterium des Juden waren. Wohl waren Kultur und Religion eng verknüpft, wohl basierte die Kultur auf der Religion, aber man konnte gerade als geistig entwickelter Mensch mitten in der Kultur stehen, ohne positiv zu den religiösen Dingen Stellung genommen zu haben. Die Religion, der Glaube — in kaum wahrnehmbarem Maße einer Entwickelung unterworfen — sprach nur zum Gläubigen, während die Kultur, ständig Neues aus sich erzeugend, den jüdischen Menschen überhaupt erfaßte und ihn erst zum jüdischen Menschen machte. Ich weiß wohl, daß in vorhistorischer Zeit die Religion den Vorrang hatte, wie immer bei einem werdenden Kulturvolk, ich denke aber bei dem oben Gesagten an die Zeit vor und nach dem ersten Exil, in dem die Kultur mehr und mehr hervortrat. Die Entwickelung der Kultur mußte aufhören, als der lebendige Organismus zerstört war, die Kultur mit ihren ungeheuren Werten, vor denen noch heute eine Welt in Bewunderung steht, konnte in ihrer spezifischen Art nur erhalten bleiben, wenn sie gewissermaßen konserviert wurde. Nicht mehr das Produkt eines normalen Geisteslebens mußte sie zerstört werden, wenn sie jetzt den Einflüssen belebter Geisteszentren ausgesetzt war, wenn sie nicht mit Dingen verknüpft wurde, die einer Entwickelung nicht unterworfen, die abgeschlossen gegen die bewegte Außenwelt waren — mit der Religion. Und so erst war es möglich, daß man den Begriff der Kultur verlor und ihn völlig durch den der Religion ersetzte, ein Fehler, dessen Beseitigung mir eine Lebensfrage des Judentums, des umfassenden Zionismus zu sein scheint. Zwei Dinge vor allem machen den jüdischen Menschen: Nationalgefühl und Kultur. Es ist das unerhörte Verdienst des Zionismus gewesen, uns das Nationalgefühl wiedergegeben zu haben. Wir stehen vor einer zweiten, vielleicht schwereren Aufgabe, die jüdische Kultur von der Verknüpfung mit der Religion zu lösen und wieder zum entwickelungsfähigen Spezifikum des jüdischen Menschen zu machen. Wahrlich eine revolutionäre Geistestat, die d i e Aufgabe einer Jugend sein kann. Das Verhältnis zu Gott zu finden, ist ein persönliches Erfordernis, (las Verhältnis aber

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.