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Der jüdische Student · 1925-05-01 · Heft 3 (Mai 1925) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
22 (1925)
Issue
Heft 3 (Mai 1925)
Date
1925-05-01
Page
[Seite] (sequence 18)
Language
German
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72 Berichte des Präsidiums Zionismus bedeute! für die meisten von uns eine Entscheidung zwischen zwei Möglichkeiten in uns: zwischen der durch stark erlebte europäische Bildungselemente geformten Komponente und der durch Jahrhunderte geprägten jüdischen Wesensart. Es ist unbestreitbar, daß der europäische Bildungsstoff auch unser Denken und Empfinden stark beeinflußt hat. Wenn Zionismus mehr als politischer und wirtschaftlicher Aufbau ist, wenn mit ihm — wie mit allen wirklich großen politischen Bewegungen — für uns die Sehnsucht nach menschlicher Erneuerung, nach einer Renaissance spezifisch jüdischer Art, nach dem neuen jüdischen Menschen verbunden ist, dann ist es unbedingt erforderlich, daß wir uns mit den geistigen Werten dieses Judentums, mit den großen Manifestationen jüdischen Denkens und jüdischer Art beschäftigen und auseinandersetzen und sie auf uns ^wirken lassen, wie wir die Schöpfung europäischer Kultur auf uns haben wirken lassen. Wenn ein intellektueller Mensch deutschem Wesen nahekommen und es verstehen will, dann wird er sich nicht begnügen, das heutige Leben kennen zu lernen, die Presse zu studieren, die moderne Literatur zu lesen, sondern er wird sich mit der deutschen Vergangenheit, mit Goethe und Hölderlin, mit Klassik und Romantik beschäftigen. Nur aus den Schöpfungen produktiver jüdischer Geister wird uns das Verständnis jüdischer Art vermittelt. Dieser Sehnsucht entsprangen, die Rufe nach „Jüdischwerden", nach „Wesenhaftmachung des Zionismus" usw., die mit der zunehmenden Intensität nationalen Empfindens in allen Variationen wiederkehrten. Die Entwicklung der letzten Jahre hat uns hier vorwärts gebracht. Wir sehen heute klarer die Aufgaben und Möglichkeiten wie auch die Grenzen. Und mit den Erkenntnissen ist auch der Wille gewachsen. Selbstverständlich tun wir dies alles ohne Antizipation des Resultats. Zionismus ist uns Neubruch, nicht Rückkehr zu Altem, brüchig Gewordenem. Soviel über unser Ziel. Der Weg ist schwer und lang. Zunächst erhebt sich die Frage, welche Stoffe in erster Linie in Betracht kommen, in welchem Umfange und auf welche Art. Auf die Bedeutung der Bibel in diesem Zusammenhang einzugehen, ist überflüssig. Sie ist das Dokument derjenigen Epoche, in der sich das jüdische Volk frei entwickelte, und durch die es geformt wurde. Es ist selbstverständlich, daß alle unsere Menschen dieses Buch in seinen wesentlichsten Teilen kennen, und wir haben, wie oben erwähnt, diese Forderung in das hebräische Examen eingeschlossen. Ueber diese Minimalforderung hinaus werden wir nur langsam und mit Auswahl vorgehen können und weitgehend individuellen Neigungen Spielraum lassen müssen. In der Zeit nach der Zerstörung des jüdischen Staatswesens ist der Talmud der Niederschlag der für die Weiterentwicklung bedeutendsten Epoche des jüdischen Volkes. Ohne seine Kenntnis sind alle späteren Erscheinungen (wie Rambam, spanische Epoche, Mittelalter bis auf das heutige Judentum) schwer zu verstehen. Die Pflege und Förderung des Talmudstudiums in unseren Reihen wird daher in diesem Zusammenhange eine größere Rolle spielen. Es gibt heute schon mehrere aus der Assimilation kommende Bundesbrüder, die Talmud studieren. Die größte Schwierigkeit liegt vielleicht darin, daß hier in ganz anderem Maße als bei der Bibel Vermittler notwendig sind, die den Stoff lebendig machen. Während die Bibel ein künstlerischer Niederschlag einer Zeit ist, in der das Leben des Volkes unter normalen Bedingungen ablief, beruht die Schwierigkeit des Verständ-

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