Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 22 (1925)
- Issue
- Heft 3 (Mai 1925)
- Date
- 1925-05-01
- Page
- [Seite] (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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66 Zum Kartelltag der Ausschnitt von Europa ist, desto reicher ist die geistige Welt des Zionisten. Es ändert sich nur die Dynamik der Persönlichkeit, seine Werte werden einer neuen, großen und beglückenden Aufgabe zugewendet. Wie steht es nun mit unseren Beziehungen zu einer jüdischen Kultur? Zum jüdischen Öesetz kann es eindeutiges Verhältnis für uns nicht geben, da es heute kein Forum mehr gibt, das über seine Legitimität und die Gültigkeit dieser Kulturgüter entscheidet. Die Beziehungen aber zu der neu in Palästina entstehenden Kultur kann nur durch eine Tatsache hergestellt werden: Hebräisch. Hebräisch ist unser Bekenntnis zu einer jüdischen Kultur. Aus all diesem ergeben sich für unsere Erziehungsarbeit folgende Tendenzen: Geistige Grundlage unserer Menschen, eine breite europäische Bildung, daran anknüpfend der Versuch einer Judaisierung (d. h. Herstellung der Beziehungen zu Ausschnitten jüdischen Kulturguts der Vergangenheit) und als wesentlichste Forderung eine unermüdliche mit Konsequenz und Strenge durchgeführte Hebraisierung. Alle Versuche einer Neuregelung unserer geistigen Erziehungsarbeit sind jedoch eng verknüpft mit der Frage nach dem Vorhandensein einer Erziehergeneration. Daß dieser Kreis von Erziehern, der imstande wäre, ein derartiges Programm durchzuführen, heute fehlt und im besten Falle erst im Werden ist, ist mit das bedenklichste Moment für unsere gegenwärtige Situation. Hier erwachsen der inneren Politik eines Präsidiums große und entscheidende Aufgaben: Die Sammlung und Durchbildung einer Erziehergeneration. Zur Zeit müssen wir auf eine zentrale Regelung und einheitliche Durchführung eines detaillierten Unterrichtsplanes verzichten, es würde alles Papier bleiben müssen, aber auf der anderen Seite haben wir die Pflicht, den Bundesbrüdern, auf deren Schultern die drückende Last der Erziehungsarbeit in den Verbindungen ruht, zu helfen. Man soll die Fragen, die die Grundpfeiler unseres Unterrichts bilden, von geeigneten Experten durcharbeiten lassen, mit ausführlichster kritischer Literaturbesprechung und so den einzelnen Erziehern eine Hand habe zur eigenen Orientierung über diese Fragen geben. Es ist dies gewiß nur ein Behelf, aber wenigstens Beginn, um der augenblicklich herrschenden Anarchie und Regellosigkeit unserer geistigen Durchbildung zu begegnen. Im Zusammenhang mit unserer Erziehungsarbeit taucht immer wieder die Frage nach den Formen des K.J.V. auf. Wir glauben, daß man bisher diese Frage zu eng faßte. Man dachte nur immer an die Formen des gesellschaftlichen Zusammenlebens und weniger an den Gesamtaufbau der Verbindungen und des Kartells überhaupt. Es ist festzustellen, daß viele Begriffe heute bei uns ihren ursprünglichen Sinn verloren haben. Als bedenk-