Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 21 (1924)
- Issue
- Heft 8-9 (Oktober 1924)
- Date
- 1924-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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107 über die drei grössten Aufgabengebiete (die Palästina-, die politischen und kulturellen Aufgaben) Referate «haiten zu lassen, an die sich dann eine Aussprache anschliesscn sollte. Das Referat über Palästinaaulgaben und -mögl-chkeiten des K.J.V. konnie leider nichr stattfinden, da der Referent im letzten Augenblick absagen musste, sodass rein technisch nicht mehr die Möglichkeit bestand, es einem anderen zu übertragen. Herbert Fcerder übernahm es, in seinem Referat über politische Aufgaben das Notwendigsie auch darüber zu bringen. Die Tagung wurde durch eine hebräische Ansprache von Fritz Simon eröffnet. Nach ihm ergriff Leo Strauss im Auftrage des Präsidiums das Wort zu seinem Referat über: „Das jüdische Kulturproblem in unserem Erziehungsprogramm'*. Die Diskussion im Kartell über dieses Problem, das eines der brennendsten für uns ist, war im letzten Jahre aus einer vielleicht' nicht unberechtigten Antipathie heraus gegen die Art, wie es von einem aus unseren Reihen herausgewachsenen Kreise behandelt worden war, zurückgedrängt worden, und sollte mit diesem Referat eröffnet werden. Leo Strauss ging bei seiner Untersuchung von dem Verhältnis, von politischem Zionismus und jüdischer Tradition aus. Die jüdische Tradition sei unpolitisch eingestellt, d. h. sie wehre sich gegen jede aktive Gestaltung des Schicksals des jüdischen Volkes. Dieser unpolitische Charakter sei nicht nur ein Produkt der Land- und Staatslosigkeit, also ein Produkt der Galuth, sondern bereits innerhalb<der vorexilischen Welt, ins-, besondere in der Prophetie vorbereitet. Die Voraussetzung* dieser Haltung sei der Glaube, dass Gott allein imstande sei, die Geschichte des Volkes zu lenken, während Politik dieses aus eigener Kraft erreichen wolle. Die Kluft zwischen Politik und Tradition sei demnach unüberbrückbar. Der Versuch des Kulturzionismus, ein Kompromiss zu finden durch die sogenannte Säkularisierung der Tradition, d. h. ihre Uebernahme ohne -religiöse Voraussetzung sei eine innere Unmöglichkeit. Er vergreife sich am Sinne der Tradition, die ihres natürlichen Mittelpunkts beraubt wird, anderseits drücke er die lebendige Realpolitik zu einer doktrinären Geistespolitik herab. Der Kuiturzionismus s.elle den Versuch dar, der durch das Wegfallen der religiösen Komponente des Fundaments beraubten Existenz des jüdischen Volkes eine innere Rechtfertigung zu geben durch seine Kultur, ein Begriff, der aus anderen Voraussetzungen genommen und für die jüdische Tradition nicht anwendbar sei. Demgegenüber gehe der politische Zionismus von der Tatsache der Existenz einer Gruppe zusammengehörender Individuen aus. Die entscheidende Triebkraft sei für ihn allein die Würde. Diese verbiete es dem Individuum, sich aus der Gruppe, der es durch Abstammung und Geschichte verbunden sei, zu lösen, abgesehen davon, dass es gar nicht möglich sei. Der politische Zionismus bedeute den Weg zur Selbständigkeit und Selbstverantwortlichkeit. Dadurch sei die Brücke zur jüdischen Tradition, die eine derartige Haltung innerlich ablehnen müsse, unmöglich. Von dieser Feststellung aus, warf Strauss die Frage ari, ob überhaupt und wie weit die Möglichkeit einer Anv^nun^ der Werte des traditionellen Juden-