Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 21 (1924)
- Issue
- Heft 8-9 (Oktober 1924)
- Date
- 1924-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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m Weiteres zur sogenannten Altherrenfrage unter Bundesbrüdern, wo er freundlich begrüsst wird, wie etwa irj früheren Zeiten ein Mitglied des „Vereins der Freunde" des V.J.Si|en Hier nimmt er neben einem ihm näher verbundenen Bundesbruder Platzes der öfters das Wort ergreift. Nach einer gewissen Zeit wohlerzogenenlen Zuhörens, wobei die Anwesenden auf persönliche Bekannte hin un-l tersucht worden sind, drückt er seinem Nachbar nach dessen letzter[vat Rede unauffällig die Hand, ihm Beilall zollend und gleichzeitig bit-Kru tend, seinen vorzeitigen Abschied, (ihn drängt stets Familie oder Be-kcha ruf) stillschweigend zu entschuldigen. Er weiss — auch im fremden jüch Hause — stets, wo der Ausgang ist, und seine bescheidene, unautfäl-joah lige Art sichern ihm neben einem halbjoviaien, ha.b betretenen La- Ifanc cheln die Nachsicht der wenigen, die sein Verschwinden bemerken. — [dem Er gehört zum alten K-J-V. und hat dort seine Freunde, mit denen j vebei er zu guter Stunde und privatester Gelegenheit von den vergnügten 1 n\sü. Tagen ehemaligen K.J.Ver Glanzes schwärmt. Vor 4 Jahren haue er jedoch auch Freunde aus der jüngsten Generation, die meist der „Opposition" angehörten; denn man muss als alter, guter K.J.Ver auf jeden Fall die Jugend verstehen und mit ihr Fühlung haben. Zu dieser Ze t betonte er die Stärke und Bedeutung des Blauweiss, der eben die Chaluzim s.elit, was doch schliesslich das wichtigste ist. Heute dagegen weist er auf den fascistischen Blauweiss als-etwas Unjüdisches und Assimiliertes hin und spricht ihm jede Zukunit ab. Er hat heute eigentlich keine Freunde mehr unter der jüngsten Generation und | würde, über diesen Zustand sich. Rechenschait ablegend, sehr bedenk- { üch gestimmt werden. Mit seinen ehemaligen jugendlichen Freunden | aber, die längst selber alt geworden sind, verständigt er sich sehr I gut über Existenzfragen; es ist ihm stets eine Freude, sie beruflich I oder wirtschaftlich zu beraten und zu fördern. — Er liest die Rundschau, indem er mit der letzten Seite beginnt, wo die persönlichen Anzeigen stehen (aber nicht mit dem Eifer wie früher, denn er kennt nur noch die wenigsten, die dort ihre Vermählung etc. anzeigen). Den Leitanikel überfliegt er so schnell, dass er längst nicht mehr bemerkt, worin das Aktuelle der dort geführten Debatten liegt, liest von den Pogromen in Rumänien, dem Mord in Palästina und schüttelt bedenklich den Kcpf, wenn er von Polen und Galizien hört. Ueber die Paläsanabeilage wird schnell hinweggeblättert (soviel fremde Namen und Ortschaften geben ihm nichts Gegenständliches), um dann wieder beim Anzeigenteil zu landen, der nunmehr einer endgültigen Prüfung auf bekannte Namen unterzogen wird. — Zionistische Versammlungen besucht er prinzipiell nicht mehr; er ist ausserdem nicht für die Menge, für das Laute. — Er war und ist entschiedener Gegner des Binjan-haarez, doch der Händedruck, den er mit einem bedeutenden Miglied dieses Vereins austauscht, ist ausserordentlich herzlich. — Zu irgendeiner zionistischen Betätigung ist er längst nicht mehr fähig. Seine ganze Aufmerksamkeit und Aktivität gehörte in den letzten Jahren der Sorge um die Existenz seiner Familie, deren Ernst und sittlichen Wert er empfinden gelernt hat, ja ihr allein gegenüber ein verpflichtendes Gefühl im Herzen trägt. i