Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 21 (1924)
- Issue
- Heft 8-9 (Oktober 1924)
- Date
- 1924-10-01
- Page
- [Seite] (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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180 Zur Frage der nationalen Autonomie in Palästina Wir müssen uns also darüber klar werden, dass der Ausdruck nationale Autonomie zwei Begriffe enthält, und zwar!. den theore- Fsch von Renner entwickelten Begriff, wie er in Oesterreich durchgeführt werden sollte, und 2. die Summe der einzelnen aus der Rennerschen Theorie in unsere Galuthpolitik übernommenen nationalen Forderungen. Ben Gorion hatte also ein richtiges Gefühl, wenn er erklärte, das Problem der nationalen Autonomie sei in Palästina anders zu lösen als in der Galuth. Die zionistische Forderung entsprang dem Wunsche, zur Vorbereitung einer Rückkehr zum Judentum vor der Rückkehr ins Judenland schon in der Galuth ein möglichst jüdisches Leben führen zu kennen. Das musste naturgemäss dazu führen, dass man in den staatlichen, von der Mehrheitsnation diktierten Nonnen Beschränkungen dieser jüdischen Lebensmöglichkeit erblickte und versuch.e diesen zu entgehen. Man wollte die Nation also in den für das nationale Leben in der Galuth wichtigsten Gebieten, welche grösstenteils, wenn nicht nur, kultureller Natur waren, von den Fesseln der Staatsgewalt befreien, also ebenso wie das Privatleben des einzelnen 'ausserhalb des staatlichen Wirkungskreises stellen unter bewusstem Verzicht darauf, als Nation integrierend an der allgemeinen Staatsleitung teilzunehmen, eine Stellung wie sie etwa die Religionsgesellschaf teil in den westlichen Ländern besitzen. Die Beschränkung auf diese Minimalforderung erschien aber auch aus politischen. Gründen durchaus geboten, denn eine weitergehende Autonomie würde in den meisten Ländern der Diaspora an der geringen Zahl der Juden im Fremdstaat scheitern, sowie dem Standpunkt völliger Neutralität der jüdischen Nation zu den Angelegenheiten der Wirtvölker widersprechen. (Mit diesem vom offiziellen Zionismus durchaus anerkannten Standpunkt hat die von Herzl propagierte Negierung der Galuth nichts zu tun.) Dazu kommt, dass in vielen Ländern die Bevölkerung zu einer Selbstregierung durchaus nicht reif ist, während doch eine wahrhaft demokratische Staatsform die Voraussetzung für volle nationale Autonomie ist. Renner selbst hat später allerdings die Vaterschaft dieses Gedankens der kulturellen Autonomie abgelehnt und sich gegen eine Identifizierung seines Autonomie-Begriffes mit dieser Forderung energisch gewehrt, ohne dabei jedoch auf die Gründe einzugehen, welche unsererseits eine Einschränkung geboten erscheinen Hessen. Die Voraussetzungen, welche die Forderung der nationalen Autonomie i"_r die zionistische Galuthpolitik in dieser Weise beeinflussten, liegen in Palästina nicht vor. Wenn man also von dem Problem der nationalen Autonomie in Palästina spricht, so darf man nicht ausser acht lassen, dass der in der zionistischen Politik bislang genannte Segriff der nationalen Autonomie eine für unsere Galuthverhältnisse ausgearbeitete Zweckmässigkeits-Schcipfung ist und nur eine Abänderung eines theoretischen Gedankens enthält, der für einen Nationalitätenstaat, wie es Oesterreich war, aufgestellt ist. Ist das Problem der nationalen Autonomie aber überhaupt wesentlich für Palästina, kennte hier eingewandt werden. In Palästina soll