Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 21 (1924)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1924)
- Date
- 1924-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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144 Zur sogenannten Altherrenfrage die Hälfte unserer eingetragenen Bundesbrüder zu einer solchen alljährlichen Spende nicht bereit ist, so gebe ich denen noch ein paar Worte, die da sagen: alle diese Bundesbrüder seien uns doch immerhin gesinnungsgemäss verbunden, was nicht ausser Acht gelassen v/erden dürfe. Ich glaube durchaus, dass die Gesinnung eines Menschen das für ihn Entscheidende ist. Ich glaube aber, dass Gesinnungen — nicht anders als Liebe und Hass, — solange sie wirklich obwalten, von jedem sie berührenden Ereigniss getrieben werden, sich zu konkretisieren. Eine Gesinnung ist eine potentielle Energie, d. h. eine Energie; die, angetrieben, jederzeit kinetisch wird. Das eben ist das Entscheidende bei der Beurteilung einer Gesinnung, das allein rückt sie doch in das Gebiet des Tatsächlichen. —Wer unsere Gesinnung hat, muss heute Keren hajessod zahlen, oder diese Gesinnung ist nicht mehr vorhanden. Mag sein, dass vor zwei oder drei Jahren die persönlichen Entscheidungen für und wider die Keren-hajessodpflicht ntoch im Flusse waren, heute ist diese Entscheidung bei jedem gefallen. Heute weiss jeder, ob noch ein Funke potentieller jüdischer Energie in ihm ist oder nicht (Wenn andere das besser wissen wollen als die Betreffenden selber, so könnten sie ja dieses durch eine Keren-hajessodaktion unter jenen Bundesbrüdern beweisen, eine Aktion, die einzuleiten wäre unter der Parole: für das Kartell und den Keren hajessod oder gegen beides.) Einer geklärten Situation Rechnung zu tragen, heisst nicht mehr: auf Möglichkeiten verzichten, sondern Konsolidierung gewinnen. Dass Entscheidendes geschehen muss, ist jedem klar, der seit Jahren gewöhnt und gezwungen ist, alte KJ.V.er durch die primitivsten Methoden für den Zionismus zu erwärmen, genau so als wende er sich an AssimiJanten. Immer wieder fragt man sich, was sollen diese ehemaligen Zionisten bei uns. Mit welchem Mass sind sie, so lange sie in unseren Reihen stehen, zu messen. Man ist doch zu alt geworden, um unbeirrt durch menschliches Verstehen, sie moralisch disqualifizieren zu können. In dem Augenblick, da sie nicht mehr K-J.V.er sind, sind sie von unseren stillen Vorwürfen und wir von ihrer entschiedenen Passivität erlöst. * Zum Schlüsse: Was liegt denn unserem Bunde für ein Gedanke zu Grunde? Was schwebt all den Bundesbrüdern, die ihn förderten und heute erhalten, vor Augen? Was setzt sie in Gegensatz zu Blau Weiss und andern Bünden? Es ist eine ganz bestimmte Vorstellung, die ihren Ausdruck sucht und finden muss: die Vorstellung von dem jüdischen Volk, wie es heute lebt und wie es heute strebt. Leben und Streben des jüdischen Volkes, beides steht immerdar unmittelbar vor unseren Augen, und wir haben den Wunsch, diese unsere Vorstellung in dem Rahmen, wie er uns zur Verfügung steht, zum bewussten Ausdruck zu bringen. Wh* glauben, das gegenwärtige Leben der Juden bejahen zu müssen, weil aus ihm allein die Bewusstheit seiner Problematik entspringt, die die Energieen zur Antwort, zur Antwort: Palästina hervorbringt. Wir