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Der jüdische Student · 1924-06-01 · Heft 6-7 (Juni 1924) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
21 (1924)
Issue
Heft 6-7 (Juni 1924)
Date
1924-06-01
Page
[Seite] (sequence 17)
Language
German
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Zionismus und Reichstag 127 ✓ stinkt unsrer Bluts- und Glaubensgemeinschaft. Wir nehmen uns sogar der Ostjuden an, selbst wenn sie uns in unsrer Position in Deutschland schädigen. Selbstverständlich. Wir können bei unsrem Eintreten für die Ostjuden auch feststellen, dass die ihnen nachgesagten Schäden masslos übertrieben sind. Jeder Staat verträgt eine Anzahl Fremder; Nachteile und Vorteile daraus halten sich wohl stevs in der Wage. Ich persönlich glaube nicht, dass d;e in Deutschland wohnenden Ostjuden eine Gefahr für Deutschland bedeuten. Sollte sich aber wirklich einmal eine Situation ergeben, in der man ernsthaft von einer Interessenkollision sprechen muss, so wird für leden seiner Verantwortlichkeit bewussien Zionisten die Entscheidung schwierig und schmerzlich sein. Ich werde die Antwort, wie wir uns dann verhalten sollen, sehr zum Leidwesen vieler Leser, (die gerade hier auf die Blosse, die ich mir vielleicht gebe, war(en), nicht geben. Man kann nämlich in politischen Dingen, wo niemals eine Situation der andern gleich ist, niemals vorhersagen, wie man sich in einer besonders schwierigen Situation verhalten wird. Wenn man sonst im Leben anständig ist und ein Mann, so wird man es auch bei einer schwierigen Entscheidung bleiben, wobei auch noch zu bedenken ist,, dass schliesslich nichts so krass eintritt, wie man es sich in der Theorie vorstellen kann. Bleiben wir bei den Tatsachen: Heute besteht keine derartige Kollision. Die Ostjudenfrage spielt selbst in den antisemitischen Zeitungen eine untergeordnete Rolle. Unter diesen Umständen konnte die Frage, welche Stellung die einzelnen Parteien zur Ostjudenfrage einmal genommen haben, bei der Entscheidung zwischen ihnen keine wesentliche Bedeutung haben. Wir können also die Ostjudenfrage, die z.Z. beinahe nur theoretisch ist, wirklich nicht an den Haaren herbeiziehen, um eine jüdische Einstellung zu den Wahlen zu konstruieren (abgesehen davon, dass das Fremdenrecht in Deutschland eine Sache der Länder und nicht des Reiches ist). Ausser der selbstverständlichen Wahrnehmung unsrer Interessen als Staatsbürger, unsres Rechts und unsrer Freiheit haben» wir keine jüdisch-politischen Interessen innerhalb Deutschlands zu verfolgen. Dafür gibt es aber eine grosse Zahl Interessen, die uns mit jedem deutschen Bürger gemeinsam sind: Deutschlands Frieden, Sicherheit, Macht, äussere Politik, innere Gestaltung usw. Da mag ein jeder wählen oder sich wählen lassen, wie er will. Ich stimme mit euch über- ■ein, dass die politische Einstellung eines jeden uns als Kartell nichts angeht. Aber nur dies verstehe ich unter Neutralität. Das müssen wir natürlich verlangen, dass keiner so töricht ist, sich den Parteien anzuschliessen, die uns als Juden entrechten wollen. Das ist aber alles so selbstverständlich, dass man wirklich nicht darüber zu sprechen brauchte. Sollte es tatsäch/ich im deutschen Judentume Männer geben, die es für ihre Pflicht halten, rechtsradikal zu wählen, obwohl sie, wenn diese Partei zur Regierung kommt, erwarten dürfen, dass sie bei der nächsten Wahl nicht mehr mitwählen können, so sind das selbstmörderische Vorstellungen, gegen die ich in unserem Kreise nicht zu polemisieren brauche.

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