Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 21 (1924)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1924)
- Date
- 1924-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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126 Zionismus und Reichstag Wahl enthalten. Ich halte nicht ihre Gewissensskrupel, wohl aber ihre Einstellung Deutschland gegenüber für deranig falsch, dass ich sie kaum begreifen kann. Gewiss, wenn ich dabei bin auszuwandern, kann ich dazu kommen, dass mich die Probleme des Staats, dem ich gerade noch angehöre, kaum mehr interessieren. Jeder andere begeht mit dieser Einstellung einen schweren Fehler, wenn nicht gar Schlimmeres. Ich bin schon im Zentralpunkt meiner Ausführungen: Ich wende mich dagegen, dass wir uns bei der Wahl zum Reichstag, wie es beide Bundesbrüder für selbstverständlich halten, nur von jüdischen Gesiditspunkten leiten lassen. Ich bin der Ansicht, dass. der deutsche Reichstag die Verhältnisse des deutschen Landes und seiner Bewohner zu .regeln hat, also ausschliesslich deutsche Interessen. Wir deutschen Juden sind ein Teil des deutschen Staatsvolks. Soweit wir besondere Interessen innerhalb Deutschlands haben, gehören diese zum Wirkungsbereich des deutschen Parlaments, sind a'.so deutsche Interessen. Unsere Sonderinteressen in Deutschland lassen sich auf eine Formel bringen, die etwa lautet: Sie betreffen unser Recht und unsere Freiheit. Unser Recht als Staatsbürger, gegen dessen Verkümmerung wir uns gemeinsam mit allen deutschen Juden mit äuskersier Kraft wehren müssen. Und unsere Freiheit, so zu leben, wie wir es für richtig und nötig halten. Unsere Sonder Interessen sind in ihrer Art dieselben, wie die Soiiderinteressen aller Staatsbürger, der sozialistischen, der katholischen, der fascistischen, der bayrischen der hannoverafüschen usw. usw. Jeder will und muss sein Recht und seine Freiheit im Staate wahren. Nun haben wir Juden, besonders aber wir Zionisten, Interessen, die über die deutschen Grenzen hfnausgehen. Derartige Interessen habeil auch unsere katholischen, unsere kommunistischen, sogar unsere fascistischen Mitbürger. Soweit derartige Interessen das Staatswohl nicht schädigen, gehen sie den Staat nichts an, können also auch bei der Wahl zum Parlament keine Rolle spielen. Unsere zionistischen Interessen berühren den deutsehen Staat nicht. Bisher hat noch kein ernst zu nehmender Mensch behauptet, dass unsere Bestrebungen Deutschland schädigen. Dass viele von uns auswandern, schädigt den Staat nicht mehr oder weniger als die übrige Auswanderung, von der man z. Z. beinahe sagen kann, sie sei für Deutschland nützlich. Dass wir Geld für Palästina geben, tangiert den Staat nicht, so wenig es ihn tangiert, wenn Katholiken Geld für Rom geben. Der Staat ist nämlich gar nicht so kleinlich, wie viele von uns gern glauben. Ihr wisst das alle. Ich brauche es deshalb auch nicht auszuführen. Sollte es bestritten werden, so bin ich gern bereit, über jede hier angeschnittene Frage ein Kolleg zu lesen. Es gibt nur ein einziges jüdisches Interesse, von dem man sagen kann, dass es über die deutschen Grenzen hinausgeht und dabei doch ein deutsches Interesse ist, bei dem eine Kollision unsrer Interessen und der Interessen des Staats möglich ist. Ich meine die Ostjudenfrage. Wir wünschen, unsern ausländischen Brüdern hier freie Wohn- und Erwerbsmöglichkeit zu verschaffen aus selbstverständlichem In-