Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 21 (1924)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1924)
- Date
- 1924-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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124 Zu unserem Staatsbürgertum Wir kommen zu dem eigentlichen Ziel, wie denn ein Ausnahmeverhalten, im Sinne nicht der staatsbürgerlichen Aufgaben schlechthin, sondern übermässiger Verpflichtungen in Anbetracht der Notlage Deutschlands, zu rechtfertigen sei, wie wir ethisch und nicht im staatsrechtlich formalen allein eine befriedigende Klärung finden. Zwei Gesichtspunkte sind es, die uns zu einem wahren ruhigen Gewissen verhelfen dürfen. Einmal die Berechtigung sonst irregulärer Handlungsweise — stets gemessen an den strengen Masstäben, wie wir sie setzten, — aus unserer aussergewöhnlichen Situation im Völkergremium, zum andern das ehrliche Vertrauen auf den Menschheitsnutzen, der folgt Zum ersten wollen wir uns auf eine Beweisführung, die in anderem Zusammenhang Ruedorffer in seinen „Grundtendenzen14 gibt, stützen. Ruedorf er behandelt u. a. eine Art kosmopolitischer Einstellung, die nur nationalistische Verbrämung zu sein scheint. Von Zeit zu Zeit tauchen, wenn Volker und Diplomaten der Kriegshetze müde sind, Begriffe und Wendungen auf vom gemeinsamen Interesse der Völker, Aufrechterhaltung des Friedens, Fortschritten der Kultur und Zivilisation, Segnungen ruhiger Arbeit im Interesse der Menschheit usw. Dies bedeutete keine Heuchelei, meint R. Es entspräche 'der Eigenart der nationalen Wachstumstendenz, die aus der ewigen Lebenshoffnung der Nationen stammt, dass man keine zeitliche Begrenzung fürchtet. Man denkt: die Zeit arbeitet für uns. Auch wenn die Situation sich im Augenblick verschlechtere, kann man, so meint R; weiter, da der Rechnung keine Frist gesetzt ist, rechnen, dass dies sich wieder ändern wird. Und die Hoffnung selbst findet niemals ihre zeitliche Grenze. Wörtlich Ruedorier: „Völker können frei sein von dem ner-" vösen Lebenswillen, welcher etwa Frauen beherrscht, die ihre Schönheit welken, das Alter nahen sehen und sich ein Jetzt oder Nie zurufen müssen." Wenden wir Wort für Wort bis zu dem letzten starken Vergleich auf unser Volk an und unser erster Gedanke wird sein: — in nichts passt das auf uns. Wir kennen eine zeitliche Begrenzung, wir wissen, man sieht uns als die Akteure bei einem Experiment an, auf dessen Resultat man ungeduldig wartet. Wir wissen, die Zeit ist uns auf den Fersen, uns ist eine Frist gesetzt durch die Ungeduld derer, die uns das Experiment übertrugen. Und wir sehen schliesslich das vor uns, worum andere Völker sich nicht zu ängstigen brauchen, das Alter nicht nur, sondern das Ende schon, wenn wir nicht in bestimmter Zeit unser Gesetz erfüllen. Hier steht ein Volk auf dem Spiele, das nicht sagen kann, wie das andere, unter dem es lebt, seine Lebenshoffnung sei unendlich und dürfe unendlich sein. Es geht auf der einen Seite um den Bestand eines Volkes, auf der anderen Seite um das Höher oder Tiefer in der weltpolitischen Position. Zum zweiten — Wir vertrauen, dass unser Land, seine Existenz an sich und die Arbeit, die in ihm geleistet wird, seinen Nutzwert für die Menschheit hat. Man kann es vom Rationalen her betrachten, unser Nationalismus ist die konkrete Form, in der sich der Universalismus — die Menschheit — im Volke entsprechend seinen Le-