Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 21 (1924)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1924)
- Date
- 1924-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Zu unserem Jtastsbürgertum 121 oft genug behandelt, als dass wir sie ausführlich darzulegen brauchten: das Bewusslscin unserer Gemeinsamkeit durch Geschichte und Leiden, die Tatsache vom Mangel eigenen Bodens, die mittelbar und unmittelbar folgende Rastlosigkeit, das andersartige psychologische Erfassen, das Augenblicks-Reagieren, bedingt durch die historisch gegebene Notwendigkeit, sich „in die Situation zu finden", hiermit wieder verbunden die ständige Potenzierung in Urteil und Tat usw. usw. Bezeichnen wir dies als das empirische Wesen des Judentums schlechthin, so tritt hinzu auf unserer Sei:e das bewusst Betonte: unsere nationale, unsere Palästinatendenz, unsere Erziehung zum Schon-Staatsbürger von verantwortlicher Verbundenheit mit unserem Interimsstaat, der zionistischen Organisation. Und hier kommen wir bereits auf den Kernpunkt unserer Frage. Wir müssen ein klares Verhältnis finden von den ethischen Motiven, die uns im Galuth stets leiten sollen, zu den staatsbürgerlichen Prinzipien, die wir für uns selbst dem Aufbau Palästinas zu Grunde legen wollen! Die Voraussetzung einer gesunden Entwicklung ist eine gesunde Erziehung. Wir dürfen nichi leichtfertige Begründungen unseres Tuns zu Thesen machen, um uns über etwaige ethische Bedenken schnell hinwegzubringen. Niemals dürfen wir dazu kommen, Revancheprinzipien — und drängen sie sich durch Unvernunft und Taktlosigkeit unserer Umwelt noch so sehr auf — gelten zu lassen und uns sagen: Wir haben so viel Unrecht erlitten, dass alles Unrecht, was wir tun, noch niemals Aequivalent sein kann für das, was man uns angetan hat. Völkerpsychologisch ist der Revanchegedanke gekennzeichnet durch stete Ruhelosigkeit, und von der Revanche im politischen Sinn zur Blutrache im Sinne der Primitiven is; kein grosser Abstand. In der Geschichte hat es sich mir allzu oft gezeigt, dass die Revancheparole nichts anderes war als ein mehr oder minder geschickter ideologischer Ueberbau. Es Hessen sich stets Gründe finden, die eine Revanche rechtfertigten, nicht allein in territorialen Fragen und Irredentabewegungen: einmal waren es „ungesühnte" Beleidigungen von Siatthaitern, Gesandten, ein andermal gestörte Prozessionen. Wir dürfen nicht daran gehen, uns beim Aufbau unseres jungen Staates auf zweifelhafte Tendenzen solcher Art zu stützen. Selbstverständliche Vorausse.zung ist, wie betont, die Erfüllung aller normalen staatsbürgerlichen Aufgaben, Obrigkeitsunterordnung, Ruhewahrung, Erfüllung steuerlicher Verpflichtungen u. a. m. (nur so haben wir die innere Berechtigung, den Kampf gegen den Antisemitismus mitzuführen). Unter dieser Voraussetzung dürfen wrir auch die Bedenken, die gegen die Arbe t in exponierter Stellung erhoben werden könnten, getrost beiseite schieben. Theoretische Beweisführungen sind hier ohne Sinn, in der Praxis hat es sich gezeigt, dass Staatsbeamte und Lehrer aus unserer Gemeinschaft nur zum Guten gewirkt haben, nicht allein in Beurteilung ihrer sozialen Leistung. Es gibt menschliche Grundeinstellungen, denen eine Variierung auf dem Gebiete ihrer Anwendung nichts anhaben kann. Ein guier Pädagoge weiss zu lehren, und als Zionist kann er durchaus die Liebe zur Hei-