Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 21 (1924)
- Issue
- Heft 6-7 (Juni 1924)
- Date
- 1924-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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114 Bemerkungen zur Lage Die vielbesprochene Verständigung mit den Arabern kann (und muss!) versucht werden, sobald unsere Position in Palästina so stark geworden ist, dass wir den Arabern etwas zu bieten haben. Bisher wollten die Araber sich gar nicht verständigen, und das Gerede darüber hat nur Schaden gestiftet. Die zionistische Presse Deutschlands, die früher so begeistert für die schleunige Verständigung mit dea Arabern plädierte, ist übrigens in dieser Frage plötzlich stumm geworden. Herr Robert Weltsch ist nach London gegangen. Vielleicht leitet er seine guten Ratschläge jetzt direkt an die Exekutive; möglicherweise hat er auch etwas zugelernt. Bei alledem wollen wir uns nicht darüber täuschen, dass wir vor einigen Jahren politisch schon viel weiter waren. Lloyd George hat — nach eigener Aussage — unter dem „national homea den Judenstaat verstanden; zu Ende des Krieges standen fünftausend jüdische Soldaten in Palästina; Herbert Samuel ist nach San Remo als „König der Juden" gefeiert worden und hat sich eine Zeitlang in dieser Rolle recht wohl gefühlt. Dann kam — scheinbar plötzlich, doch von langer Hand vorbereitet — der Umschwung. Die antizionistischen Militärs bewirkten zunächst die Auflösung der jüdischen Truppen. Weiche Bedeutung das für unsere Position in Palästina hatte, ist von der zionistischen Leitung und dem zionistischen Publikum » zu spät oder garnicht erkannt worden. Hier zeigte sich der Mangel an politischem Realismus, der unsere braven Baalebatim und unsere spintisierende Jugend kennzeichnet. Nur Jabotinsky schlug Lärm — aber der war ja ein „Militarist" und manche „vegetarische" Zionisten empfanden ein bischen Schadenfreude, als man ihm sein buntes Spielzeug nahm. Nun ging es so eine Weile fort — da kamen die Pogrome in Jaffa und Jerusalem. Welche Rolle die antizionistischen Beamten bei der Vorbereitung der arabischen Exzesse gespielt haben, ist niemals ganz aufgeklärt worden. Sicher ist, dass sie den ängstlichen Sir Herbert Samuel dahin brachten, die jüdische Einwanderung zu sperren. Das Colonial Office in London wurde von dieser Massnahme überrascht und missbilligte sie. Aber die Hetzer in Jerusalem triumphierten: sie hielten Samuel weiier in ihrer Hand, steigerten die wiedererwachten Hoffnungen und Wünsche der Araber, drängten die jüdischen Ansprüche überall zurück, unterstützten die arabische Delegation in London und unternahmen während der Wahlzeit mit Hilfe ihrer Freunde m England einen Generalangriff gegen den Zionismus. So geschah es von 1920—1923. Das Schlimmste liegt nun hinter uns. Wir haben uns in diesen Jahren leidlich behauptet. Wir mussfen das „White Paper" unterschreiben., mussten lavieren und uns vieles gefallen lassen — aber das eigentliche Ziel unserer Feinde wurde nicht erreicht: Der Mandattext blieb bestehen, die Regierungen Englands machten den Arabern wohl manche Konzessionen, hielten aber doch an der Politik des „national home" fest — worunter heute freilich nur der Schutz von Leben und Eigentum der einzelnen Juden in Palästina und die Duldung der Ausbreitung der jüdischen Kolonisation, jedoch beileibe kein „Judenstaat" verstanden wird.