Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 21 (1924)
- Issue
- Heft 4-5 (April 1924)
- Date
- 1924-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 43)
- Language
- German
- Belongs to
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Körperliche Erziehung im K. j. V. 101 von Goethe angeführt. Der Dichter äusserte sich zu Eckermann über die Jungen Gelehrten", die ihn oft besuchten. Sie seien meist „kurzsichtig, blass, mit eingefallener Brust, jung ohne Jugend." „Von gesunden Sinnen und Freunde am Sinnlichen ist bei ihnen kerne Spur, alles Jugendgefiihl und alle Jugendlust ist bei ihnen ausgetrieben und zwar unwiederbringlich; denn wenn einer in seinem 20. Jahre nicht jung ist, wie soll er es in seinem 40. sein?" Selten ist etwas Treffenderes über das Problem der — zionistischen Erziehung gesagt worden. Was wir im jüdischen Volk vorfinden, ist kurzsichtig, blass und unjugendlich, was wir schaffen wollen, ist Frische und Jugendlichkeit, die für Jahrzehnte dauert. Der Weg. der zu diesem Ziele führt ist gefunden und gangbar gemacht. Ich nenne ihn körperliche Erziehung und verstehe darunter nicht einseitiges Athietentum und geistlose Sportfexerei, sondern die Ergänzung und Befruchtung unserer geistigen Erziehungsarbeit durch die Ausbildung unseres Gemütslebens, unserer Natürlichkeit und Körperlichkeit. Das Miteinander und Ineinander beider Faktoren bildei den vollendeten, harmonischen Menschen. Junge Juden zu vollendeten Menschen erziehen, heisst aber Zionis(en erziehen. Körperliche Erziehung gehört folglich in den Rahmen der zionistischen Gesamterziehung. Der vielleicht "etwas grosspurig klingende Begriff „körperliche Erziehung" wurde hier eingeführt, weil der im Kartell bisher übliche Terminus „Turnen und Sport" zu Missverständnissen Anlass gibt. Unsere heutige Zeit, die alles technisiert und spezialisiert, hat auch den Begriff der Gymnastik seines geistigen Gehalts beraubt, und aus ih*n ein Sammelsurium 'verschiedener, teilweise sich bekämpfender Systeme von Leibesübungen gemacht. Was das Kartell braucht sind nicht ^Sportkanonen" und „Gipfelturner" sondern das, was vor 130 Jahren GutsMuths, der Wiedererwecker der griechischen Gymnastik in Deutschland, als wahre Gymnastik bezeichnete: „Arbeit im Gewände jugendlicher Freude". Diese weite Auffassung einer heute so zerklüfteten Sache müssen wir uns wieder zu eigen machen. Die Vorstellungen, die GutsMuths mit der Gymnastik und später Jahn mit dem Turnen verbanden, gingen hoch über das hinaus, wasi heute darunier verstanden wird. Damals gehörten dazu nicht nur bestimmte Uebungen, die in Turnhallen oder auf Sportplätzen vorgenommen wurden, sondern eben so sehr auch handwerkliche Arbeiten, Spielen, Wandern und Singen, überhaupt jede Betätigung eines natürlichen Lebens. In diesem Sinne muss auch die körperliche Erziehung im K.J.V. neben dem eigentlichen Turnen und Sport jede Erziehungsarbeit umfassen, die „im Gewände jugendlicher Freude" unser Leben als Einzelne und als Gemeinschaft zu befruchten vermag. Vor Jahren (J.St. November-Dezember 1921) wurde von Bertram Fisher und mir versucht, das Formproblem des K.J.V. von dieser Seite aus seiner Lösung näher zu bringen. Unser damaliger Artikel „Formen im Kartell" gründete sich auf die Erfahrungen, die wir als erstchargierte des Ruder-V.J.St. und Führer der Jung-Ivria gesammelt hatten. Leider wurde er zu einer Zeit geschrieben und ver-