Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 21 (1924)
- Issue
- Heft 4-5 (April 1924)
- Date
- 1924-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Reichstagswahl 75 ben. Gerade wir Zionisten haben dort, wo jene Parteien die Regierungsgewalt innehaben, leider sehen müssen, wie wenjg man gewillt ist, uns auch nur das geringste Verständnis entgegenzubringen. Unter den Parteien, die nunmehr zu unserer engeren Auswahl verbleiben, ist es unmöglich, eine völlig eindeutige, für eine Partei sich entscheidende Wahlparole auszugeben, die man als zionistisch massgeblich und richtig hinstellen könnte. Bei der Betrachtung der übrig bleibenden, und hier handelt es sich um Demokraten, Zentrum, V.S.P.D., ergeben sich bei allen neben bestimmten positiv zu wertenden Erscheinungen solche, die wieder mit den spezifischen Zielen unserer jüdischen Politik schwer vereinbar sind. In der deutsch-demokratischen Partei trat man wohl theoretisch auch für den Kampf gegen den Antisemitismus ein, hat aber beispielsweise auf dem letzten Parteitag nicht den Mut gehabt, und dies wäre in der heutigen Zeit dringend erforderlich gewesen, diese Stellungnahme mit einem einzigen Wort anzudeuten. Es muss auch gesagt werden, dass gerade nationaljudische Gedankengänge, die Lösung der Judenfrage nach unseren Gesichtspunkten bei demokratischen Politikern häufig recht wenig Verständnis gefunden haben. Wir haben sehr oft die Erfahrung machen müssen, dass in der demokratischen Partei bestimmte Kreise von gewissen Einfluss sind, denen irgendwie grössere Perspektiven, unter denen jüdisches Geschehen zu sehen ist, völlig fehlen. Schliesslich muss hier noch erinnert werden an bestimmte Ausfälle, vor der die Partei anlässlich der Ostjudendebatte (vergL die damalige Rede des Abg. Fischbeck) nicht zurückgeschreckt ist. Schliesslich ist es eine bekannte Tatsache, die erst kürzlich von einem prominenten jüdischen Mitglied der demokratischen Partei zugegeben wurde, dass die Partei neuerdings dem zunehmenden Antisemitismus dadurch am besten entgegentraen zu können glaubt, dass sie jüdische Zusammenhänge nicht erkennbar hervortreten lassen möchte, insbesondere Furcht zu haben scheint, Juden, auch wenn sie nach sachlichen Gesichtspunkten durchaus geeijgnet wären, als Vertreter aufzustellen. Mit dem Zentrum verbindet uns eine bestimmte ähnliche Situationt, eine gewisse Interessengleicheit. Man hat und mus hier notgedrungen Verständnis haben für Bindungen, die nicht an der Staatsgrenze Halt machen, ohne dass man hieraus staatsbürgerliche Konflikte abzuleiten braucht. Dazu kommt die traditionelle Haltung dieser Panei, die aus einer gewissen Toleranz heraus antisemitischen Bestrebungen gegenüber sich offiziell ablehnend verhält. Sprechen so für die Wahl dieser Partei bestimmte bedeutsame Gesichtspunkte, so ist andrerseits nicht zu verkennen, dass das Zentrum doch immer noch eine bestimmte klerikal kirchlich gerichtete, konfessionelle Partei darstelle-, die uns mit einer gewissen Fremdheit gegenüber steht. Dazu kommt schliesslich die Stellung des Zentrums zur Ostjudenfrage, die unseren Intentionen weniger entspricht. Die V.S.P.D. ist die Gruppe, die stes, auch in letzter Zeit am energischten antisemitischen Bestrebungen, die man hier als reaktio-