Mannheim
Compact Memory

Der jüdische Student · 1924-04-01 · Heft 4-5 (April 1924) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der jüdische Student
Volume
21 (1924)
Issue
Heft 4-5 (April 1924)
Date
1924-04-01
Page
[Seite] (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3537599-3537784-3537787--6026-3544156
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

70__Unsere Stellungnahme zu den kommenden Reichstagswahlen führen, die dann im Gegensatz zu allen andern deutschen Parteien nicht wirtschaftlich, sondern rein national orientiert sein wird. Wie jeder Wähler seine persönlichen und unter Umständen auch nationalen Ziele verfolgt, so sind wir unsererseits ebenfalls nicht gezwungen, die Wohlfahrt des deutschen Staates zu dem allein ausschlaggebenden Gesichtspunkte bei der Wahl zu erheben. Aus der Natur des Staates als eines Zweckverbandes ergibt sich gerade die Ablehnung einer solchen Einstellung, denn der Wille des Staates soll doch gerade ein Spiegelbild des freien Volkswillens, d. h. des Willens der Gesamtheit der Staatsbürger, darstellen. Andrerseits widersprechen die für die Galuthpolitik im Kopenhagener Manifest als Punkt 2 und 3 aufgestellten Thesen der Gleichberechtigung der Juden sowie der nationalen Autonomie in dem jeweils grösstmögjichen, Unfange begriffsnotwendig durchaus nicht den Interessen des deutschen Reiches. Auch das Bedenken, wir seien in unserer nationalen Forderung palästinozentrisch orientiert, darf uns nicht irre machen. Es gibt bei fast allen Völkern eine Irredenta d.h. ausserhalb des S.aatsvesrbandes der Mehrheitsnation lebende Volks-, teile, welche zu dieser hintendieren. Es ergibt sich also für uns das Postulat einer einseitig jüdisch bezw. zionistisch orientierten Politik im Galuth Auch unsere Beteiligung an den kommenden Reichstagswahlen muss von diesem Gesichtspunkte gelei;et sein und muss die Verwirklichung unserer spezifisch zionistischen Ziele erstreben. Der Weg, auf welchem wir diese Ziele erreichen können, ist eine Frage der Taktik. Müssen wir auch im Anfang zu der Feststellung kommen, wir müssten von unserem Wahlrecht Gebrauch machen, so bedeutet das noch nicht unbedingt d'ass wir zu einer positiven Wahl gezwungen wären. Vielmehr kann die Ausübung des Wahlrechts als Benutzung eines Machtmittels auch in der Sabotage der Wahl bestehen, und ich kann mir durchaus ernsthafte Leute vorstellen, welche in Anbetracht der derzeitigen antisemitischen Einstellung eine öffentlich proklamierte Wahlenthaltung aus demonstrativen Rücksichten fordern könnten. Allein m.E. ist die zionistische Einstellung der letzten Jahre auf jedem Gebiete zu der Ablehnung von Demonstrationen gekommen und hat sich einer rein aufbauenden und positiven Politik zugewandt. Und wenn unsere Stimmen im Verhältnis zu der Gesamiheit der Deutschen nur einen sehr geringen Bruchteil des Volkswillens darstellen können, so dürfen wir diesen noch so geringen Machtfaktor nicht aus der Hand geben, sondern müssen versuchen, durch Beteiligung an der Wahl praktisch auf die Gestaltung des deutschen Staates einzuwirken. Die idealste Lösung der Wahlbeteiligung, nämlich die Aufstellung einer eigenen jüdischen Liste, scheint mir aus den eben genannten Gründen taktisch unzweckmässig zu sein, denn unsere Stimmen würden niemals auch nur einen Kandidaten in den Reichstag bringen- Andrerseits würden wir aber den Widerstand des C.V. und der nech weiter rechtsstehenden jüdischen Kreise zu überwinden haben, und

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.