Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 21 (1924)
- Issue
- Heft 4-5 (April 1924)
- Date
- 1924-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Unsere Stellungnahme zu den kommenden Reichstagswahlen 69 fänglich von Herzl geforder e Negation der Gallith autgegeben hat, und zu der Forderung einer aktiven Politik schon in der Diaspora gekommen ist*), müssen wir auch alle Mittel gebrauchen, welche der Durchführung unserer Politik dienen können. Abgesehen von diesen besonderen Zielen, sind wir aber auch in unserer ganzen jüdischen und zionistischen Arbeit von den Verhältnissen, die in dem Staate, welchem wir angehören, bestehen, in weitestem Maasse abhängig, sodass wir jedes Mittel benutzen müssen, uns diese Zustände günstig zu gestalten. Aus diesem Grunde ist auch der offizielle Zionismus in dem Kopenhagener Manifest vom Oktober 1918 dazu gekommen, die Forderung nach der Gleichberechtigung der Juden in ihren Wohnländern, zum Programmpunkt zu erheben. Die erste Frage, ob wir uns an der Wahl zum deutschen Reichstag überhaupt beteiligen sollen, ist damit bejaht worden. Es müssen jetzt die Gesichtspunkte untersucht werden, welche wir dabei zu beobachten haben und die Ziele, welche wir mit unserer Wahlbeteiligung verfolgen. Unstreitig ist, dass der nationale Gedanke unsere Politik insoweit als jüdisch hinstellen wird, als wir als deren Träger bewusste Juden und nicht e:wa nur Staatsbürger jüdischen Glaubens auch für Aussenstehende sind. Unsere Politik kann aber dabei doch von 2 grundverschiedenen, geradezu entgegengesetzten Gesichtspunkten geleitet sein. Wir können nämlich einerseits die Interessen des deutschen Reiches in den. Vordergrund stellen, anderseits aber einseitig unsere speziellen Ziele al's Juden und Zionisien verfolgen. Von Wichtigkeit für die Enscheidung dieser Frage ist die vorherige Feststellung, dass in Deutschland keiae nationale Autonomie besteht und die Juden daher nicht als salbstständiger integrierender Bestandteil des deutschen Staatsverbandes angesehen werden. Man ist im Gegenteil bestrebt, durch Unterdrückung und Entrechtung der Minoritäten, und zwar vorzugsweise der stärksten und dabei schutzlosesten Minorität, nämlich der Juden, den völkischen Einheitsstaat zu schaffen, während man ohne Bedenken für die Auslandsdeutschen, welche jenseits der Grenzen in andern Staaten Minoritäten bilden, eine grossdeutsche Nationalitäten-Poliiik proklamiert. Nun müssen wir uns darüber klar sein, dass die Juden in Deutschland nur etwa 1 % der Bevölkerung betragen, und auch nur ein Bruchteil der deutschen Juden wiederum nationaljüdisch eingestellt sind. Eine jüdische Autonomie in dem Umfang, den Renner für die österreichischen Verhältnisse verlangte, und welche z. B. für die Randstaaten, für Polen, Russland u. a. in Frage kommen könnte, ist also in Deutschland praktisch undurchführbar. Vielmehr weiden wir uns mit einer rein kulturellen Autonomie begnügen müssen. Politisch wird der Autonomie-Gedanke günstigsientalls zu einer jüdischen Fraktion *) Vergl. Achad Haam „Golusverneinung" a. E.: Es ist unsere Pflicht, nnser nationales Leben in der Diispora zu verbessern und auszugestalten bis zur äussersten Grenze des M«v;jchen, gleichzeitig aber die vollkommene Lösung jenseits der Grenzen der Diaspora zu suchen.