Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 21 (1924)
- Issue
- Heft 4-5 (April 1924)
- Date
- 1924-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3537599-3537784-3537787--6022-3544152- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
66 Umschau Aber man darf nicht verkennen, dass auch der Tabakbau noch nicht die Lösung aller Fragen bedeutet. Einmal ist Tabakbau nicht d i e Erweiterung unseren landwirtschaftlichen Urproduktion, die wir oben als notwendig bezeichneten. Andererseits ist Tabak gerade das Produkt jener typischen Plantagekolonisation die überall mit billigsten eingeborenen Arbeitskräften wirtschaftet. Heute, wo eine neue Sache eingeführt 'wird, braucht man natürlich den jüdischen Arbeiter Aber es bedarf - keiner grossen Propheiengabe um voraus zu sehen, dass auch im Tabakbau der Kampf um die jüdische Arbeit in kurzer Zeit einsetzen muss und wohl auch hier wie überall verloren werden wird. Auch im Lande ist man sich darüber klar, so schreibt z. B. Lofban („Die Arbeit* V.l. März 1924). Es wäre verfehlt in der gegenwärtigen Lösung der Arbeitslosenirage die erwünschte radikale Lösung erblicken zu wollen. Die Bedingungen, in denen die Tabakarbeiter sich befinden werden, sind wenig dazu angetan die Bedürfnisse des Arbeiters selbst in einem bescheidene Masse zu decken, um so weniger sind sie dazu angetan in uns die Hoffnung zu erwecken, als wären hier mit die wirtschaftlichen Aufnahmemöglichkeiten für den jüdischen Arbeiter im Lande endgültig gefunden. Schon jetzt gibt sich bei den neuen Unternehmern die unverhohlene Tendenz zu erkennen, die Tabaksbranche zu einer Ernährungsquelle für Tausende von billigen, nichtjüdischen Arbeitern zu machen. Der Prozess der „Eroberung der Arbeit" wiederholt sich auch hier samt all seinen üblichen Begleitserscheinungen, und es istnicht anzunehmen, dass man hier * mehr Glück damit haben wrerde, als in allen, anderen landwirtschaftlichen Beschäftigungen. Immerhin bedeutet, zunächst einmal für dieses Jahr, der Tabakbau eine neue Alijahwelle, bedeutet dass der judäische Kolonäst wieder einmal eine Möglichkeit ha:, aus seinem chronischen Defizit herauszukommen, bedeutet, dass auch die eine oder die andere Kwuzah durch die Einbeziehung des Tabaks in ihr wirtschaftliches System zu einer Stabilisierung Ihrer Position* gelangen kann. Wir wollen uns von Schönfärberei in diesen Spalten ebenso fernhalten, wie von Schwarzseherei, und so betrachtet, bedeuten diese Möglichkeiten, wenn auch nicht alles, so doch auch nicht wenig.