Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 21 (1924)
- Issue
- Heft 4-5 (April 1924)
- Date
- 1924-04-01
- Page
- [Seite] (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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62 Umschau Umschau von Rudolf Samuel Die dritte Sitzung des A.C. gibt Gelegenheit die Zionistische Situation im vollen Umfang darzulegen. Beginnen wir mit unserer Aussenpolitik, so muss festgestellt werden, dass der Regierungswechsel in England für uns eine besonders günstige Situation geschaffen hat. Zwar gehört der Leiter des Kolonialministeriums, Thomas, nicht zu jener Gruppe unsere besonders gut informierten Freunde in der Labour Party, wie z. B. Col. Wedgewood, Snowden oder Mac Donald selbst, aber immerhin ist anzunehmen, dass ein Cabinet dem Labour Party dem Zionismus nicht nur keine Schwierigkeiten machen, sondern ihn im Gegenteil nach Möglichkeit unterstützen wird. Die Auswirkung der Arbeiterregierung für unsere politische Situation wird vielleicht bereits in kurzer Zeit offenbar werden. Es gibt mancherlei Missstände in der britischen Palästinaverwaltung die jetzt vielleicht beseitigt werden können. Vor allem aber ist die ganze politische Atmosphäre heute für den Zionismus günstiger als noch vor einigen Monaten und eine kluge Zionistische Politik würde wohl diesen Höhepunkt politischen Kraftgefühls benutzen, um nun von sich aus zu einer Stabilisierung unserer Beziehungen zu den Arabern zu gelangen. Wie erinnerlich hat der 12. Kongress iufch vielen Kämpfen jene — nur von einer sehr kleine Gruppe eingebrachte — Resolution zur arabischen Politik angewandt, die, wie sich nun herausgestellt hat, dem Zionismus schon mindestens in drei Fällen ausserordentlich gute Diensie geleistet hat. Auch die seitdem geführte Politik bewegte sich auf der Linie dieser Resolution. Die Zionistische Organisation ist bereitwillig auf alle Vermittlungsvorschläge der britischen Regierung eingegangen, und wenn diese gescheitert sind, so lag es stets an dem arabischen Partner. Dadurch ist die politische Stellung der arabischen Extremisten von Mal zu Mal verschlechtert worden, denn es stellte sich immermehr heraus, dass sie überhaupt keine verhandlungsfähige Gruppe sind. Was jedoch unserer politischen Leitung vorzuwerfen ist, ist, dass sie nicht von sich aus diesem einzigen möglichen Weg gegangen ist, sondern immer der Anregung und dem Drucke von aussen folgte. Unsere Situation wäre bei weitem günstiger, wenn wir nicht nur das Statement Winston Churchills unterschrieben, sondern es von uns aus der englische Regierung vorgelegt hätten. Von uns aus, aus eigener Initiative, hätten wir diesen Weg gehen sollen, dann hat en wir unseren Versprechen und Resolutionen ein ganz anderes poli isches Gewicht gegeben. Die heutige politische Situation gibt wieder Gelegenheit eine eigene Initiative zu zeigen der gerade heute nicht vorgeworfen werden könnte, dass sie aus Schwäche und nicht aus ehrlichem Willen, aus Not und nicht aus Tugend geboren sei. Die innere zionistische Politik war wieder einmal durch eine jener politischen Skandalaftären angeregt worden, die an-