Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 21 (1924)
- Issue
- Heft 3 (Februar 1924)
- Date
- 1924-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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5f> Die Parteibestrebungen im deutschen Judentum Rolle bei dieser Bewegung spielte, ist Sache des Zufalls, der in dieser Zeit nur den einen Mann mit den erforderlichen Eigenschaften in die religiösen Kämpfe stellte. Denn nur auf Grund dieser persönlichen Eigenschaften, welche Hirsch zum Führer der Neuorthodoxie machten, konnte diese als Bewegung entstehen. Während die Reform eine notwendige Folge der veränderten sozialen Verhältnisse darstellte, Ausdruck der neuen geistigen Situation der Gesellschaft war, vollzog sich -die Bildung der Neuorthodoxie als plötzlicher, ruckhafter Akt der Wiederbesinnung, für den „historische Notwendigkeit4* nicht vorlag, wenn natürlich auch die historischen Voraussetzungen vorhanden sein mußten. Es war die Persönlichkeit fiirsch's erforderlich, sein Mut, seine radikale, allen Kompromissen abgeneigte Gesinnung, seine „aufrichtige Begeisterung und eindrucksvolle Beredsamkeit", seine Anteilnahme an der deutschen Zivilisation, die ihm für das politische Handeln Vorbilder und Anweisungen lieferte, um die Bewegung in Gang zu bringen. Es ist auch fast die gesamte Ideologie der Neuorthodoxie -von Rabbinern gischaffen worden, wie sie von Hirsch begründet wurde. Ihren eigentlichen Ausbau hat sie im Kampfe mit dem Zionismus erfahren, welcher die Orthodoxie — wie schon erwähnt — zu genauer Auslegung ihres Begriffes von der „jüdischen Nation" zwang (s. u.). Die organisatorische und ideelle Einheitlichkeit beim „Zusammenschluß der Toratreuen", die nur durch gelegentliche Zwischenfälle* vorübergehend getrübt wurde, hat ihren vornehmlichsten Grund in der Existenz eines festumrissenen, eindeutig bestimmten religiösen Prinzips (was eben der Reform mangelte): des traditionellen Religionsgesetzes, wie es^ von den „Autoritären" im Laufe der Exilzeit ausgebaut und in ein Ss'Stem* gebracht wurde. Aus diesem Prinzip heraus war auch, wie wir schon sahen, der Führer bestimmt Die orthodoxe Organisation stellt ein Mischgebiide aus religiöser Gemeinschaft und politischem Zweckverband dar. Die Menschen sind hier in dem Bewußtsein ihrer priesterhaften Bestimmung, ihrer göttlichen Anserwähltheit. ihrer nationalen und geistigen Verbundenheit zu gemeinsamer religiöser Übung vereinigt und Persönlichkeiten untergeben, die in patriarchalischer Führerschaft über ihnen stehen. Andererseits aber ergreift diese Gemeinschaft nicht das gesamte Leben dieser Menschen, sondern nur einen, den religiösen und in der Familie liegenden Ausschnitt desselben und diesen teilweise mit den Formen der gemeinschaftsfrerndeii Umgebung. So kann sich im Bewußtsein der heutigen Orthodoxen nicht mehr die Vorstellung festsetzen, welche die Bewohner des Ghetto von ihrem Gemeinschaftsleben hatten. Es läßt sich unverkennbar ein Kampf zwischen dem Streben nach reiner Gemeinschaft und dem hemmenden und immer wieder auflösenden - Kräften' feststellen. So wird zwar über das Wesen der internationaler Vereinigung der ..Gesetzestreuen" folgende Erklärung abgegeben: „Denn es ist nicht ein Zweckverband, dessen Bedeutung sich in der Verwirklichung irgendwelcher praktischer Einzelzwecke erschöpft.. Was. uns als Höheziei vorschwebt, ist vielmehr die Wiederbelebung uraüen jüdischen Besitzes: der überlieierte Begriff des Klall Jisroel ist's — Israels Gesamtkörper, erfüllt und getragen von seiner Thauro ais organisierender Seele — den wir durch unsere Agudas Jisroel inmitten der Kuhu/welt und mit den technischen Mitteln, die die Kultur uns aufs neue reicht, realisieren wollen44 (Rosenheim). Andererseits aber liegt die Leitung des Weltverbandes in den Händen der deutschen Orthodoxie, der „politischen41, „die in langen Dezennien schwerer Kämpfe gelernt hat, sich im öffentlichen Leben zu Hirsch 1876 den Austritt als Pflicht erklärte, sich ein Gutachten von einem andern Rabbiner. Dr. Bamberger-Würzburg, verschafften, worauf ein heftiger und von Hirsch mit maßloser Schärfe geführter Kampf zwischen den beiden Geistlichen ausbrach, der auch um die gegenseitige Anerkennung als Talmudautorität geht. (S. Hirsch, „Gesammelte Sehritten4", Bd. 4).