Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 21 (1924)
- Issue
- Heft 3 (Februar 1924)
- Date
- 1924-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Parteibestrebungen im -deutschen Judentum 55 Diese Feindschaft welche von Hirsch mächtig angelacht wurds, bat den Zusammenschluß der Orthodoxie bewirkt. Ohne das Auftreten der radikalen Reform, das von den Orthodoxen als höchste Provokation aufgefaßt wurde, hätte sich diese nicht in so schroff abgesonderter. Weise konsolidiert: denn das Verlangen nach religiös-einwandfreien kultischen Einrichtungen wäre auch ohne den Austritt befriedigt worden"). Aber die Führer der Orthodoxen lehnten jedes weitere Verbleiben in den liberalen Gemeinden ab, selbst wo sie in kultischen Dingen größte Freiheit besaßen. „Für den aufrichtigen, seiner Pflicht bewußten, gesetzes;reuen Juden gibt es nur einen Weg: den Austritt aus der Gemeinde" (Hirsch, „Sendschreiben")., Denn es „verpflichtet uns unsere Codices zu einer weit größeren Fernhaltung von jüdischer prinzipieller Gesetzes- und Waiirjieitswidrigkeit als von götzendienerischem Heidentum . . . Kann es doch nicht oft genug und nicht entschieden genug wiederholt und tatsächlich z>um Bewußtsein gebracht werden, daß die jüdische Orthodoxie und die jüdische Reform durchaus unversöhnliche Gegensätze sind. Was der einen Wahrheit ist, ist der andern Lüge und umgekehrt. Was die Orthodoxie hoch verehrt und unverbrüchlich heilig hält, das belächelt die Reform als kindische Torheit. Was die Reform als nicht genug anzustrebenden Fortschritt preist, das ist der Orthodoxie die beklagenswerteste Versündigung . . . Im Bereiche der Wahrheit können solche sich einander ausschließende Gegensätze nicht bestehen . . ." (Hirsch, „Sendschreiben"). Die heftigen Angriffe, welche Hirsch unermüdlich gegen die Reform erhob, schufen.bei den Orthodoxen die Stimmung, weckten bei ihnen die Impuise, welche nötig waren, um sie zum Austritt aus den Kuku.Ngemeinden, zur Absonderung zu veranlassen, zur organischen Durchführung der faktisch längst vollzogenen Zweiteilung der deutschen Judenheit. (Nach Genehmigung des „Austrittsgesetzes" durch den preußischen Landtag im Jahre 1876, wonach die Gründung kultischer Organisationen außerhalb der" bestehenden offiziellen Gemeinden gestattet war, traten-viele — allerdings Glicht alle — orthodoxe Mitglieder aus der Gemeinde zu Frankfurt und bald auch in andern Städten aus. Diese „Aüstrittsgemeinden" schlössen sich 1886 zu einer „Freien Vereinigung für die Interessen des orthodoxen Judentums" zusammen). An der Entstehung der Neuorthodoxie ist vor allem bemerkenswert, daß sie — im Gegensatz zur Reform — nicht von Laien, sondern von einem Rabbiner getragen war, und daß sie — ebenfalls im Gegensatz zur Reform — sich als einheitliche, ideologisch und organisatorisch solidarische Gruppe bildete. Die ganze Bewegung war in hohem Maße zentralisiert in der Persönlichkeit S. R. Hirsch's. Da sich der in der Orthodoxie zur Wirkung gelangende arterhaltende Trieb des jüdischen Volkes an den göttlichen Geboten festklammerte, lag es auf der Hand, daß es talmudische Autoritäten — also Rabbiner — waren, welche ihre Konsolidierung leiteten. Die „traumverlorenen Anhänger des Alten" konnten nur durch Persönlichkeiten, die ihnen als Autoritäten erschienen, zu Handlungen von der Reichweite einer Lossagung von der Gesamtheit der Juden und eines Neuaufbaues von Gemeinden veranlaßt werden. Wie im Ghetto so ist auch in den Kreisen der Orthodoxen die talmudische Autorität in kultischen Dingen Autorität schlechthin**). Daß nur e i n Rabbiner, Hirsch, eine wirklich entscheidende *) Die Frankfurter Gemeinde war zu jedem Entgegenkommen der „Religionsgesellschaft" gegenüber bereit, um diesen Gemeindeverband festzuhalten, woran sie vor allem ein finanzielles Interesse hatte. **) „Die berufenen Vertreter, die Torafürsten, die uns die Heerführer und Bannerträger, die Verkörperer des nationalen Gedankens sind sie als die Vertreter der großen jüdischen Massen, schufen dieses Programm . . ." (Wolf S. Jacobson, „Was will Agudas Jisroel?" S. 4). eiche Bedeutung die rabbinischen Autoritäten in den orthodoxen Kreisen M?ltzei1, ujrd ai3C^ -ernellt durch die Tatsache, daß diejenigen orthodoxen Mitglieder, die nicht aus der Frankfurter Gemeinde austreten wollten, ah