Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 21 (1924)
- Issue
- Heft 3 (Februar 1924)
- Date
- 1924-02-01
- Page
- [Seite] (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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48 gehend falschen Analysen und Deutungsversuchen gibt denen, die sich als Vertreter des offiziellen Kartells fühlen, erneute Gelegenheit, ihre Gedankengänge abzugrenzen und darauf hin zu prüfen, ob sie tatsächlich noch allen Anforderungen entsprechen. Man darf wohl sagen, daß wir an einer Hypertrophie von Kritik — fast keine endet übrigens ohne Todeserklärung — leiden. Das Kartell muß heute nach Überwindung einer gewissen, von niemanden geleugneten Ermattungsperiode schon wieder stark genug sein, auch * trotz . abwegiger Kritiken seinen Weg zu finden. Für die aufbauenden Kräfte des Kartells muß ein derartiger Artikel ein Mahnruf sein, durch erfolgreiche, praktische Arbeit falsche Prognosen als solche zu kennzeichnen. Es ist schon soviel über das Leiden des „kranken Mannes", welchen das KJV. nach der Ansicht mancher KJV.er darstellt, geschrieben worden, daß es fast vermessen erscheint, diese frage wiederum auizu werfen. Haben doch diejenigen Teilchen des kranken Körpers, welche noch genügend Lebenskraft in sich verspürten, es abgelehnt, sich eine ungünstige Prognose stellen zu lassen. Die andern, welche keine Möglichkeit sahen, mit diesen vegetierenden Zellen zu einem geordneten Zusammenwirken zu gelangen, sind mittlerweile abgebröckelt. Der so in seinem Bestände verkleinerte Körper lebt. Die aufzehrende Krankheit hat aber ihr verheerenden Werk fortgesetzt, und es erscheint fraglich, ob dieser Organismus ein weiteres kontinuierliches Beschneiden noch lange ertragen wird. Um nun von dem vielleicht unschönen Bilde abzukommen! Die Existenz des KJV. ist ernstlich gefährdet. Das anfänglich noch ganz allgemein gehaltene Programm der BJC. der ja den größeren Grundstock des späteren KJV. darstellte, ist immer mehr begrenzt worden. Während der BJC. noch seine Aufgabe dahin auffaßte, weite Kreise der jüdischen Akademiker zu erfassen und zu positiv jüdischer Betätigung hin zu führen, hat das KJV. seinen Kreis immer mehr beschränkt. Von dem akademischen Stoßtrupp der zionistischen Partei sind wir über den am Parteileben gänzlich uninteressierten, nur auf seine persönlichen, geistigen Intere ^en bedachten Lernzirkel zu einer Gemeinschaft geworden, die es als ihre Aufgabe betrachtet, jüdischen Akademikern die Übersiedelung nach Palästina zu ermöglichen. Man will also nicht etwa Pioniere für den Aufbau Palästinas stellen, sondern einzelnen Bundesbrüdern die Möglichkeit verschaffen, ihr persönliches Ideal, in Palästina zu leben, zu verwirklichen. Wenn auch zugegeben werden soll, daß die Übersiedelung wertvoller Arbeitskräfte nach Palästina vielleicht für die schnellere Durchführung des Aufbaus von Vorteilst, so scheinen mir doch die Nachteile, welche die Statuierung dieses Zieles als Programm (s. Artikel Katschke im Jan. J St.) für das KJV. und ':,s zionistische Leben in Deutschland überhaupt zur Folge haben wird, der- L:Jg grüß zu sein, daß es angebracht ist, auf sie hinzuweisen. Die tieferen (•rende, wie man dazu kommer konnte, ein derartig eng begrenztes Ziel, die Übersiedelung einzelner KJV.er zum Haupiprogrammpunkt der größten zionistischen Akademikerorganisation in Deutschland zu machen, haben wir in einem alten Übel zu suchen, welches noch aus BJÜ.er-Zeiten in das KJV. mit hinübergenommen worden ist, in der Selbstüberschätzung. Mag auch, wie gesagt, die Übersiedelung einzelner Xlv*.er mit besonderen Qualitäten /u erstreben sein, so sind das aber doch Ausnahmen. Die große Masse der KJV.er stellt gewiß kein besseres Äufhaumaterial^ dar als die übrigen Zionisten. Daß man jenen Bundesbrudern bei ihrer Übersiedelung behilflich ist, vielleicht auch einen Fonds für diesen Zweck gründet, das liegt schon im Wesen der Bundesbrüderlichkeit. Es ist nicht unwichtig, diesen Fehler der Selbstüberschätzung, der ehedem zu dem Programmpunkt geführt hat: „der BJC. will Männer erziehen, welche den übrigen Zionisten Vorbilder sein sollen'* und jetzt sich in der häßlichen Gesinnungsschnüffelei zeigt, welche allein die zionistischen Leistungen zum Maßstab für den Wert eines Menschen macht <s. Berich*