Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 21 (1924)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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3^ Die Parteibestrebungen im deutschen Judentum sein, dann nur Sittenlehre, Ewigkeitswerte usw., welche als Objekt der ,.Treue" angeführt werden.12) Was neben der Pietät, deren Inhalt vom politischen Liberalismus erst in seinem Kampfe mit dem jüdischen Nationalismus genauer, wenn auch nicht einheitlich bezeichnet wurde, den aufgeklärten- und assimilierten Juden in seiner Zugehörigkeit zum Judentum bestärkte, war die Abneigung gegen die Luge der Taufe. Gabriel Riessers Bekenntnis wurde oben senon zitiert, ihm ähnlich sagt Eugen Fuchs: „Wir haben das Renegatentum abgelehnt, Taufe als Fahnenflucht irad Treulosigkeit gebrandmarkt . . . Lieber durch Treue die innere Ehre bewahren-als nach der äußeren 'Ehre des Staates zu begehren, das sind Oedanken, die' der Z.V. in die weitesten Kreise der deutschen Judenheit getragen hat. . . . An anderer Stelle habe ich auf Riessers Wort hingewiesen, daß Deutschlands Helden und Weise uns nicht gelehrt haben, daß man durch Opfer von Treue und Glauben, Wahrheit und Ehre ein Deutscher wird/4 (S. auch Felix Goldmann, „Taufjudentum und Antisemitismus", 1904, ferner den liberalen Historiker M. Philippsohn: „Sie — die Juden,, die sich taufen ließen — trugen kein Bedenken, durch ihr ausdrückliches Bekenntnis zu den geheimnisvollen Lehren der christlichen Kirchen, die doch ihrer wahren Überzeugung durchaus zuwiderlaufen, einen Akt empörender Gewissenlosigkeit, der Verleugnung des Heiligsten zu begehen, nämlich der inneren Gesinnung, der Wahrhaftigkeit".) - Wenn sich der politische Liberalismus gegen die „Demut" wendet, mit der vor seinem Auftreten die Juden auf den Antisemitismus reagien haben, und zu „Kühnheit und trotzigem Mut" (Riesser) auffordert, so ist dies eine psychische Reaktion gegen das „Vertusch-, Verkriech-, Versteckjudentum", eine Abkehr von der Methode der Dispersion. Der Trotz: eine leidenschaftliche Beharrung in einer angegriffenen, geistigen, sozialen oder politischen Position unter Verschmähung jeder Rechtfertigung dieser, hat beim Aufbau des politischen Liberalismus eine große Rolle gespielt, weil er — als ein Affekt, der sich' der Gemüter großer Masse leicht bemächtigt — den ersten dynamischen Erfolg für die Parteibildung zu Abwehrzwecken ausgelöst hat. Die Zweckmäßigkeit eines Zusammenschlusses allein hätte diesen kaum zustande gebracht, wenn ihr nicht der Affekt zur Hilfe gekommen wäre. Die beiden Schriften, auf Grund deren Erscheinen die ersten Schritte zur Gründung des Z.V. unternommen wurden, haben ihre Wirkung durch Appelle an den Trotz der angegriffenen und gelästerten Juden erreicht (s. oben). „. . . ein entschlossenes Jen duld* es nicht4 . . . ist, wenn irgendwo hier zwingende Notwendigkeit ..." (Simon, „Wehrt Euch!") In der gesamten Literatur des politischen Liberalismus findet man solche und ähnliche Gefühlsausbrüche (Fuchs, 19u3: „Und da will man uns sagen, daß wir unser Judentum ohne Vorbehalt aufgeben sollen, um Deutsche zu werden. Nimmermehr!"). — Der Trotz hatte also die doppelte Wirkung, die „Treue zum Judentum4" m bestärken, dann den Zusammenschluß zif gemeinsamer Abwehr und Selbstbehauptung zu* fördern. <. Wenn demzufolge der größte Teil des liberalen Judentums am ^angestammten Glauben" festhielt und sich trotzig entschloß, den Zumutungen der Taufe oder des Rechtsverzichts entgegenzutreten, so waren es vorwiegend Zweckmäßigkeitserwägungen, die die Form, in der man entgegentreten wollte, bestimmten. Das Dezemberkomitee, das seit 1880, als kleine Gruppe einflußreicher jüdischer Notabein erfolgreich jm Stillen gegen den Antisemitismus kämpfte, es aber vermied, an die* Öffentlichkeit zu treten, ist von Motiven der „Dispersion" und der ..Konsolidierung4' 13) ..... Wir trennen unsvon ihnen (den Zionisten) darin, worin wir das Wesen. des Judentums, seine seelischen und kulturellen Werte sehen. Wir sehen sie in seiner Lehre, seinem Sittengesetz, seiner messianischen Mission, nicht in seiner Nation". (Fuchs, „Erstrebtes und Erreicht es'*.)