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Der jüdische Student · 1924-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1924) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
21 (1924)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1924)
Date
1924-01-01
Page
[Seite] (sequence 32)
Language
German
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Die Parteibestrebungen im deutschen Judentum 31 ihrer staatsbürgerlichen und gesellschaftlichen Gleichstellung sowk in der unbedrrten Pflege deutscher Gesinnung zu bestärken" — § 1 der Satzungen) geben dem „Zentral-Verein" den Charakter einer geschlossenen politischen Pariei. . Die Geschichte des politischen jüdischen Liberalismus im 19. Jahrhundert kann nicht als Vorgeschichte des Z.-V. angesehen werden im Sinne einer kausalen Verkettung von analogen Vorgängen, die schließlich durch immer engere Zuspitzung zu dessen Gründung geführt hätten. Vielmehr ist es für das politische Handeln der liberalen Juden von damals charakteristisch, daß es sich durchwegs in isolierten Akten vollzog. Es waren Einzelpersonen, auf sich selbst angewiesen, die vor der Öffentlichkeit, vor staatlichen Instanzen die Judenheit verteidigten oder Rechte für sie forderten, gelegentlich auch Sammellisten jüdischer Gemeinden an die Regierungen veranlaßten. Es gab auch einige kurzlebige, lokal begrenzte Vereine, die dem politischen Kampf des liberalen Judentums dienen wollten. Gabriel Riesser, der kühne und weitausschauende jüdische Politiker aus der ersten Hä-lfte des vorigen Jahrhunderts, hatte noch nicht den Gedanken einer politischen Gesamtorganisation der deutschen Juden gefaßt, sondern nur zur Gründung von Vereinen zur „Erwerbung der bürgerlichen Gleichheit für ihre Glaubensgenossen" aufgerufen. Als erster Versuch, die Abwehr des-Antisemitismus zu zentralisieren, bildete sich auf Initiative von M. Lazarus 1880 das „Dezemberkomitee", eine Vereinigung jüdischer Notabein. Der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus'*, der 1890 ins Leben trat, ist nicht als jüdische Vereinigung zu betrachten, da er paritätisch war und Nichtjuden die Führung hatten. Eine dem Dezemberkomitee ähnliche Vereinigung entstand 1892 im „Komitee zur Abwehr antisemitischer. Angriffe", das gleichfalls ein Notabeinverein war und seine Tätigkeit bewußt nur im Stillen entfaltete. Alle diese Unternehmungen bedeuten Versuche einiger Weniger, f ü r die deutsche Judenheit den Kampf zu führen. Die 1893 erfolgte Gründung des Z.-V. hingegen bedeutet den Versuch, die deutsche Judenheit selbst zu politisieren, ein Versuch, der in gewissem Umfang geglückt ist. Wenn auch nur ein Bruchteil der deutschen Judenheit die Mitgliedschah des Vereins besitzt, scr kann sich dieser doch mit gutem Recht als Vertreter der Majorität erklären.9) 1916 umfaßte der Verein 40 000 Emzelmitglicder und „bei Mitzählung der Juden, die durch die ihm angehörigen Organisationen vertreten sind, ca. 200 000" (Fuchs, „Die jüdischen Organisationen in Deutschland", 1916). — Die Gesamtzahl der Juden in Deutschland beträgt etwa 650 000. . Der Akt der Gründung des Vereins verdient einige Beachtung. Et stellt eine Reaktion der Judenheit auf den antisemitischen Sturm, weicher im letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts über Deutschland ging, dar. ..Leider hielt es aber die Mehrzahl der Juden für das Richtigste« sich in den Schmollwinkel zu flüchten. ... Sie hielten es für weise und vornehm, bei allen Beleidigungen zu schweigen. . . . Ein anderer Teil war schwach genug, sich nach irgendeinem Ausweg umzuschauen, um sich unbemerkt aus dem Zusammenhang der Beleidigten hinweg zu schleichen. . . . Die Mehrzahl der deutschen Juden hatte sich so sehr an abwartende Bescheidenheit gewöhnt, daß sie jeden lauten Mahner ängstlich zur Ruhe wies. ... Im Vorstand der jüdischen Gemeinde Berlin wurde der Plan erörtert, eine Abordnung an den Kaiser zu entsenden, um ihn »m Schutz gegen den Antisemitismus zu bitten**. So kennzeichnet der Historiker des Zentralvereins, Dr. Rieger („Ein Vierteljahrhundert im Kampf um das Recht und die Zukunft der deutschen Juden*', 1918), die innere 9) Die letzten Vorgänge im liberalen Judentum nach dem Kriege, welche dazu angetan sind, seine politischen Kräfte von den Abwehrbestrebungen abzulenken und positiv-jüdischen Zwecken dienstbar zu machen (Mitarbeit am Aufbau Palästinas) werden voraussichtlich die Bedeutung des /-.V. in kurzer Zeit beträchtlich herabmindern.

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