Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 21 (1924)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Panenc-'rebungen im deutschen Judentmn 29 Menschen dort eng im Geist verbunden. Es war dort „das Verhältnis des Ich zum Ganzen konstitutiv für das Ich" (Spann). Die Aufklärung hat die Menschen aus dieser Gemeinschaft losgelöst und individualisiert. Religion wurde Privatsache. Und so konnte der alte Gottesdienst in seinem familiär-intimen Charakter nicht weiterbestehen. Starke Antriebe zum Aufbau der Reformbewegung hat das Bestreben der sich assimilierenden Juden-gesellschaftlich und gesetzlich gleichgestellt zu werden, entfaltet. Der staatliche und gesellschaftliche Antisemitismus, der in verschiedenen Stärkegraden auch nach Auflösung des Ghetto stets in Deutschland wirksam war, zwang die Juden, die sich der Umwelt zugehörig empfanden, zu ständigem Aufweis ihrer Gleichartigkeit. Dieses Motiv war von Anfang an bei den Reformbestrebungen wirksam und hat ihnen — je nach der Konjunktur des Antisemitismus — mehr oder wenigerkräftige Impulse verliehen. Man erkannte die isolierende Kraft des alten Kultus und baute ihn deshalb um; man sah sich von denen, welchen man zustrebte, beobachtet und strengte sich an, „guten Eindruck" zu machen.8) Die Begründer des liberalen Judentums und ihre Nachfolger waren m ihrem Verhalten der Umwelt und dem überkommenen Judentum gegenüber wesentlich bestimmt von ihrem „Sichmitbewußtsein" (Stoltenberg) In der nicht jüdischen Umgebung. Dies gab den Assimilationstendenzen, die sich zunächst als überpersönliche Macht der Ghettomenschen bemächtigt hatten, bewußte Zielstrebigkeit: die Assimilation wird zum Programm des liberalen Judentums. Bis in die jüngste Zeit blieb — wie "wir sahen — das Reformjudentum in ideologischer Uneinigkeit und Ungeklärtheit. So mußte die „Vereinigung der liberalen Rabbiner Deutschlands" für die ordentliche Mitgliederversammlung am 5. Januar 1922 ein Hauptreferat folgenden Titels anzeigen (s. „Liberales Judentum, Monatshefte für die religiöse Erneuerung des Judentums*', lieft 10—12, 1921): „W a-s heißt religiöse Erneuerung? Thesen: I.Der Mißerfolg des jüdischen Liberalismus ist begründet in der' Unklarheit seiner - Idee. 2. Diese Schwäche beruht zum guten Teil auf seinem Bestreben, Religion darzustellen als eine wissenschaftlich haltbare Weltanschauung. 3.1m echten Judentum geht das Leben der Lehre voraus.** IL Der politische Liberalismus. Neben dieser religiösen hat das liberale Judentum noch eine politische Seite. Diese beiden Sphären greifen ineinander über und beeinflussen sich wechselseitig. Es sind dieselben Motive, die wir beim Aufbau des religiösen Liberalismus als wirksam erkannt haben, welche auch den soziologischen Charakter des politischen Liberalismus bestimmen: die Assimilation an das Deutschtum und der Wille, gesellschaftlich gleichgeachtet und gesetzlich gleichgestellt zu werden. Während aber der religiöse Liberalismus K) Von dem ersten Reformgottesdienst in Berlin berichtet Philippsohn: es ..erschien die ganze Einrichtung als Nachahmung des christlichen Vorbildes, dem man um so lieber treu blieb, als man diesen angeblichen Gottesdienst zu einem Schaugepräge umgestaltete, zu dem man christliche Freunde und Staatsmänner einlud**. Und Dubnow („Neueste Geschichte des jüdischen Volkes*' 11, S. 70): „Durch die religiöse Reform wollte die junge Judenschaft den Beweis liefern, daß sie keine Nation in einer Nation sei. daß das erneuerte*, von seinen historischen und nationalen Elementen befreite Judentum nichts mehr als ein Komplex rein religiöser Dogmen und Gebräuche darstelle, deren Anhänger nur eine Kirche unter andern Kirchen bildeten. Die Politik drückte auf die Religion . . Abraham Geiger hai. wie schon erwähnt, die Abschaffung des Hebräischen aus dem Gottesdienste u. a. damit' begründet, daß die jüdische Religion bei Beibehaltung einer eigenen Sprache als nationale erscheinen könne.