Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 21 (1924)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
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28 Die Parteibestrebungen im deutschen Judentum nur die Wahrheit gilt, schuldig zu sein glauben, so fragen wir die Grundsätze der Ehre und unseres Gewissens, ob es uns erlaubt ist, die Sache einer unterdrückten schwachen Minderheit, zu der uns die Natur gesellt hat, zu verlassen, besonders wenn wir einige, wenn auch noch so geringe Kraft besitzen, womit wir dieser Sache nützen t können. ... Was sich dem lukrativen Ubertritt zum herrschenden Glauben' entgegenstellt., was seine Verwerfung durch die Redlichsten unter den Bekennern der herrschenden wie der unterdrückten Religion auf gleiche Weise bewirkt, was eine entschiedene unverkennbare öffentliche Meinung gegen denselben er-, zeugt, ist nicht ein Prinzip des Fanatismus, sondern es ist der einfache, ewig unveränderliche Grundsatz der Wahrheitsliebe, daß die Lippen nicht bekennen sollen, was dem "Herzen fremd ist — wozu sich heilige Pflichten der Treue und der Pietät gesellen . . (Gabriel Riesser, „Über die Stellung der Bekenner des mosaischen Glaubens in Deutschland44). In seiner Rede im Frankfurter Parlament gebraucht Riesser folgende Wendung: .-. eine seit Jahrhunderten unterdrückte Klasse, der ich angehöre durch die Geburt, und der ich — denn die persönliche religiöse Uberzeugung gehört nicht hierher — ferner angehört durch das Prinzip der Ehre, das es mich hat verschmähen lassen, durch einen Religionswechsei schnöde versagte Rechte zu erwerben . . /' Viele solcher Urteile sind nicht vorhanden, da sich begreiflicherweise nur wenige Rechenschaft gaben über die Motive ihres Nochjudeseins. Die Mehrzahl verdrängte alle Zweifel und Regungen, ihr Verbleiben in einem -Religionsverbände zu rechtfertigen, dessen bisherige Grundlagen sie verwarfen. Diese Art der Verdrängung wurde gefördert durch die seit Geiger und Holdheim immer wieder aufgestellten neuen Lehren vom Wesen' des Judentums als einer Ideengemeinschaft, einer mit messianischer Sendung betrauten und deshalb zur Zerstreuung unter die Völker bestimmten religiösen Gesamtheit. ad II. Die Frage, weshalb die Aufklärung nicht jegliche Religion beseitigte, beantwortet sich auch damit, daß diese nicht nur dn der Gläubigkeit ihrer Anhänger, sondern auch in ihrer konventionellen Geltung ein Existenzmotiv besitzt.7) Es sahen sich die aus dem Religionszwang des Gheito entflohenen durch den Geist der Umwelt wieder zur Religionsübung genötigt. Sie sahen sich weiterhin genötigt, ihre überkommene Religion dem neuen konventionellen Charakter entsprechend umzubilden, denn die Ghettoreligion, die sich mit ihren Vorschriften des ganzen Lebens bemächtigt, war für diese Zwecke nicht verwendbar. Es wurde alles ausgeschieden, was lästig war. Es paßte die alte Religion - auch nicht zu den ästhetischen Vorstelllungen und Forderungen .der Zeit. Die Reform „hat dem Gottesdienst neben einer schöneren Ausschmückung des Gotteshauses hauptsächlich die Predigten in der Landessprache und die Orgel gebracht. Es ist zweifellos, daß der Gottesdienst durch die Einführung der Orgel und der Predigt ästhetischer wirkt, als der einförmige, 4üt ein fein empfindendes Ohr nicht gerade anziehende orthodoxe Gottesdienst, der sich meist in finsteren, kleinen, jedes Schmucks entbehrenden Bethäusern abspielt" (Ruppin. „Die Juden der Gegenwart**, S. 151). — Die Ghettoreligion war Gemeinschaftsreligion gewesen. Durch den gemeinsamen Glauben (Gläubigkeit), durch die Idee ihrer Auserwähltheit. durch die gemeinsamen nationalen Zukunftshoffnungen waren die 7) So schreibt Graetz („Geschichte der Juden'4, XI, S. 414): „Infolge der Siege der Deuischen über Napoleon war die Kirchlichkeit in Mode gekommen und steckte auch diejenigen Juden damit an, welche früher nicht das geringste Bedürfiiis nach Andacht empfanden und gegen religiöses Tun überhaupt gleichgültig waren. Und solche Halbbekehrte oder nicht für das Judentum, sondern für religiöse Empfindelei eingenommene fanden sich im Jaeobson'schen Gottesdienst ein, um sich zu erbauen und sich Andacht zu verschaffen (das waren die neuen Phrasen). Das war der Ursprung der ReformparteL ..."