Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 21 (1924)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
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?7 keine eindeutigen geistigen, ethischen oder religiösen Ziele am Ausgangspunkt der Reformbewegung,, wie dies bei religiös-schöpferischen Bewegungen stets der Fall ist (was seinen soziologischen Ausdruck in der Tatsache des einen Schöpfers — Moses, Ju^is, Buddha •-- oder in dem einen Reformer — Luther — iindet). liier waren nur verschwommene» nicht scharf zu fassende, willkürlicher Ausdeutung ausgelieferte ideale, wie „Modernisierung". „Anpassung 'dv, den Zeitgeist". „Befreiung von Veralteten" und ähnliche vorhanden. Und so mußte die Geistlichkeit beim Versuch dogmatischer Festlegung der Reform scheitern, weil beim Fehlen jedes äußeren Zwanges zur Solidarität und dem Mangel eines bestimmten positiven Zieles die^ persönliche Differenzierung im Grade der Bindung an das historisch überkommene und im Willen zur Modernisierung die Oberhand gewinnen mußte. ad 2. Von den zahlreichen Auffassungen» die von den verschiedenen Rabbinern oft mit großer Eindringlichkeit geltend gemacht wurden, hat sich keine „durchgesetzt", d. h. hat keine das Laientum für sich erobert In diesem Falle wäre trotz der Uneinigkeit der Rabbiner eine Einheitlichkeit der Bewegung entstanden, da das Laientum für den Aufbau der Reform den Ausschlag gab. Doch ihm lag nur an der Einrichtung eines seinem modernisierten Geschmack entsprechenden lokalen Gottesdienstes, nichts aber am Aufbau einer geschlossenen auf die Zukunft zielenden Bewegung. Es verlangte nach keiner religiösen Ideologie: und nur durch diese grundsätzliche Indifferenz ist ihm der Aufbau der lokalen Kultusgemeinden gelungen; denn jede wahrhaft ernste Erwägung theoretischer, religiösideologischer Grundsätze hätte auch unter ihm die Einheit zerstört, ad 3. Nur eine von außen einwirkende Kraft hätte bei diesem völligen Mangel positiver Ziele eine Einigung erzwingen können. Durch das Fehlen einer Zentralinstanz der deutschen Judenheit, innerhalb derer oder gegen die die Reformer ihre Ansichten geltend zu machei* gezwungen gewesen wären, lag keine äußere Notwendigkeit für die Schaffung innerer Einheit und organisatorischer Geschlossenheit vor. Der von außen wirkende Gegner, der Antisemitismus, hat auf die organisatorische Gestaltung des religiösen Liberalismus keinen unmittelbaren Einfluß ausgeübt, sondern die liberalen Juden zu Vereinigungen zu rein politischen Verbänden veranlaßt (s. u.). In den Begründern der Reformbewegung und ihren Nachfolgern sind folgende Kräfte wirksam gewesen: I. Erhaltende. A. Pietät (Reste des Artbewußtseins). B. Abneigung gegen die Lüge der Taufe. C. Trotz. II. Auflösende und Umformende. A. Anpassung an den Geist der Umwelt. 1. An die konventionelle Vorstellung von Religion. 2. An den Geschmack und 'die Gewohnheiten. 3. An den Individualismus („das gesellschaftliche Zeitalter** — Tönnies). B. Bestreben als gleichartig ~/u erscheinen. 1. Aus gesellschaftlichen, 2. aus politischen Gründen. ad I. Es liegt die Frage nahe, weshalb sich die „Aufgeklärten" nicht insgesamt — wie es viele von ihnen taten — vom Judentum lossagten und durch die Taufe ihren Übertritt in die legitime Gesellschaft des „christlichen Staates'4 vollzogen, da das Substantielle der jüdischen Religion, ihr nationaler, gemeinschaftsrnldender Charakter aufgegeben war. Weshalb blieb man ihr formell zugehörig? Äußerungen führender Persönlichkeiten des liberalen Judentums geben hierüber Aufschluß. „Lassen wir einen Augenblick die Frage der Religion ganz beiseite, die nun einmal heutzutage manchen in verschiedenen Konfessionen geborenen so durchaus gleich gültig ist. daß sie ihr nicht das kleinste Opfer, selbst wo es eigentlich