Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 21 (1924)
- Issue
- Heft 1-2 (Januar 1924)
- Date
- 1924-01-01
- Page
- [Seite] (sequence 26)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Parteibestrebungen im deutschen Judentum nieinde, für das Volk, für die deutschen Juden sind diese Richtlinien eine Notwendigkeit. ,Man soll keine Beunruhigung tragen in die deutsche Judenheit*. Gewiß! Aber was ist die größere Beunruhigung, der heutige religiöse Zustand der deutschen Juden, die lotenruhe auf religiösem Gebiet, die eisige Teilnahmslosigkeit, die Zerfahrenheit oder die kranvolle Aufrüttelung aus dem Todesscblaf? . . . Hat der Stillstand der liberaler* Bewegung . . . nicht — zusammen mit andern Faktoren — den Indifferentismus großgezogen? . . . Wir müssen in dieser zerfahrenen Zeit unsern Brüdern und Schwestern die Linien zefigen, nach denen sie sich zu richten haben . . /'*) Der Zweck, dem sie dienen sollten: „Die heutige Generation und die kommenden mit größerer Liebe und Hingebung an das Judentum zu fesseln14 ist nicht erreicht worden. Ihre Aufstellung ist das vorläufig letzte Glied in der Kette der mißglückten Versuche, dem liberalen Judentum einen geistigen Halt zu geben. Obgleich sie teilweise mit großer Begeisterung begrüßt wurden, haben sie keine praktischen Folgen gehabt und sind heute bereits vergessen. Nur die Orthodoxie, welche gegen die ..Richtlinien" mit größter Schärfe vorgegangen ist, erinnert ab und zu an sie. wenn es gilt, wirksame Argumente gegen den Liberalismus oder bestimme liberale Rabbiner vorzubringen. Für den Zusammenbruch all dieser Anstrengungen des liberalen Judentums, sich zu konsolidieren und seiner religiösen Praxis eine geistige Grundlage und einheitliche Gestalt zu verleihen, sind mannigfache Gründe maßgebend gewesen. So wurde schon hervorgehoben, daß die Auflösung des Ghetto sich durch eine Annäherung der Juden an die deutsche Kultur vollzog und daß dabei auch die Religion, ihre Formen und geistigen Inhalte diesem Assirrilationsprozeß verfielen. Die verschiedensten Auffassungen von Judentum'und der Ausübung sein-er Religion bildeten sich, je nach dem Grade d^r Annäherung an die Umwelt und des entgegengesetzt gerichteten Trieb*:* zoir Beibehaltung des Überkommenen. Zwischen d-er Taufbewegimg und dem V'ligen religiösen Indifferentismus einerseits und den orthodoxen Bestrebungen "andrerseits, bestanden in den verschiedenen Orten und in unmittelbarer räumlicher Nähe Übergangsformen in zahlreicher Abstufung*. Der Orad der Reform wurde bestimmt durch das Ausmaß, in welchem die überkommenen Riten abgeschafft und durch solche ersetzt wrurden, die den christlichen Kulten entnommen waren. Und zwar waren es die nationalen Bistandteile der jüdischen Religiom welche mehr oder weniger radikal beseitigt wurden: die hebräische "Gebetssprache, diejenigen Sätze der Gebete, in denen der nationale Charakter der jüdischen Religion am deutlichsten zum Ausdruck kommt, nämlich die messianischen und auf Palästina bezogenen Stellen.5) Zwei Motivreihen lassen sich bei der Entstehung der Reformbewegung erkennen: einmal die aus dem immer noch wirksamen jüdischen Artbewußtsein sich ergebenden Bemühungen, durch eine Neuordnung des religiösen und geistigen Lebens die. Judenheit vor dem Untergang durch restlose *) Die „Richtlinien" selbst, die mit 61 Unterschriften der namhaftesten liberalen Rabbiner veröffentlicht wurden, sind als Anlage II im Wortlaut beigelügt.;>) Schon die 1802 von Friedbender .anonym veröffentlichte Broschüre . I her die durch die neue Organisation der Judenschaften in den preußischen Maaten notwendig gewordene Umbildung 1. ihres Gottesdienstes in den Mwiagogen, 2. ihrer Unterrichtsanstalten und ihrer Lehrgegenstände und 3ihres Erziehnngswesens überhaupt4' fordert grundlegende Umgestaltung des gesamten religiösen Daseins der Juden nach dem Gedanken, daß ..ohne eine andere kirchliche Einrichtung die Israeliten nicht fortdauern" können. -Heute haben wir nur ein Vaterland — Preußen — und nur für dieses 'also nicht mehr für Zion) dürfen wir beten. Unsere Muttersprache ist die deutsche und durch die unverkummerte Einführung dieser Sprache in das Gebet kann der religiöse Dienst zu neuem Leben erwachen.