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Der jüdische Student · 1924-01-01 · Heft 1-2 (Januar 1924) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
21 (1924)
Issue
Heft 1-2 (Januar 1924)
Date
1924-01-01
Page
[Seite] (sequence 14)
Language
German
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Braucht Palästina noch Ärzte gegenüber möglichen Zufällen, welche die Hadassah in ihrem Werk gefährden konnten. Der Rest der nicht von den genannten Organisationen beschäftigten Ärzte ist auf sich gestellt, abgesehen von einigen, die ein Wohltätigkeitshospital leiten. Die Mehrzahl sind russische Kollegen: zum großen Teil jüngere, aber man trifft auch ältere Herren an. Kein Wunder, daß der russische Zusammenbruch eine große Zahl von ihnen bisher verloren hat. Ihre Ausbildung und Leitung gelten im allgemeinen als mäßig; man lese darüber im Bericht von Prof. Rosenthal auf dem letzten Kongreß nach. Wir kennen ja auch die Ursache, welche sie zu unregelmäßigem Studiengang verurteilte. S4e hatten zum großen Teil auch nicht die Mögh'chkeit zur Weiterbildung als Assistenten vor dem Eintritt in die Praxis. Außer den russischen Kollegen, die ich auf 90% schätze, sind in nicht schätzbarer Anzahl österreichische und wenige deutsche Ärzte vorhanden. Nun zur Frage, ob Palästina noch Ärzte braucht. Errechnet man, daß auf 80 000 Juden 180 Ärzte kommen, so ergibt sich 1 Arzt auf 500 Seelen, rechnet man, vorläufig ungerechtfertigt, auf 700 000 Einwohner etwa 300 Ärzte (jüdische, arabische und andersstaatliche), so gibt das 1 Arzt auf 2300 Einwohner. Zahlkräftig ist ein ganz großer Teil des jüdischen Publikums gar nicht (Chalukahempfänger), er frequentiert hier mit einem Teil des mittleren Publikums die Hadassah, die Araber sind ebenfalls nur in der Ober- und Mittelschicht zahlungsfähig, die Armen suchen die Missionsspitäler auf. So komme ich zum ersten Schluß, daß für die allgemeine Praxis keine Ärzte mehr in Frage kommen. Versucht es dennoch jemand, so muß er recht bedeutende Mittel haben, um durchhalten zu können, d. h. als Einzelner neben den Kosten der Herreise ca 20 — 30 £ zu zweien pro Monat. Das Geld muß flüssig sein und darf nicht , auf Papier stehen. Discite moniti! Anders, um einige Grade höher, stehen die Chancen einiger Spezialitäten. Und zwar ausgezeichnet ausgebildeter Spezialisten. 6 Wochen-Spezialisten gibt es in Palästina reichlich. Ihre Ergebnisse liegen von Röntgenverbrennungen bis zu Europareisen zwecks Nachoperationen vor. Das größte Spezialfach in Palästina ist das der Opthalmologie. Es ist auch gut besetzt von jüdischen und englischen Ärzten. Doch zweifle ich nicht, daß noch einer in Haifa und einer in Safed Platz hätte. Die Chirurgie und Orthopädie erscheint mir doch, wenn auch nicht als befriedigend, besetzt. In Haifa, wo erst ein Platz war. soll ein russischer Spezialist sich jetzt niederlassen. Für operierende Gynäkologen mit betonter Geburtshilfe hätten bei der Hadassah noch ein bis zwei Aussicht, wenn sie sich bewerben würden und glänzende Zeugnisse vorlegen könnten. Kinderärzte gibt es mehrere, einige neue sind im Zuzug begriffen. Hautärzte kommen nicht in Frage. Hals-, Nasen- und Ohrenärzte könnten, falls ausgezeichnet vorgebildet und schon etwas bei Jahren, noch in Jerusalem. Tel-avio und Haifa unterkommen. Von dieser Liste kamen in letzter Zeit mehrfach, in vorstehendem Sinn beantwortete Anfragen. Psychiater haben keine Aussicht. Das Leben scheint hier zu ernst, als daß die Leute sich „Nervenleiden44 leisten könnten, die nicht auch ein Internist erkennen und behandeln könnte. Der Internist im modernen Sinne ist nämlich das Schmerzenskind unter den Ärzten Palästinas — er ist sozusagen nicht da. Nicht einer, der anders könnte oder zu mehr Zeit aufwenden könnte als ein paar unserer tüchtigen praktischen Arzte, die es ja in einigen Exemohreii gibt. Aber einen, der alle klinischen, diagnostischen und therapeutischen Methoden keimt und verwerten kann. Röntgen beherrscht und zugleich Laboratoriumsbetrieb macht — gibt es nicht. Er müßte Ruf besitzen und am besten den allein seeligmachenden Titel führen. Selbst die Hadassah hat keinen richtigen Internisten.

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