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Der jüdische Student · 1923-11-01 · Heft 5 (November 1923) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
20 (1923)
Issue
Heft 5 (November 1923)
Date
1923-11-01
Page
[Seite] (sequence 22)
Language
German
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146 Die Parteibestrebungen im deutschen Judentum. d. Ii., daß „für alle Diebstähle oder Hehlereien, an denen sich Juden beteiligt hatten, deren ganze Heimatsgemeinde solidarisch haftbar war". Wenn diese beiden JBestimmungen als erste aufgehoben wurden — in dem Gesetzentwurf "„zur Verbesserung der jüdischen Lage", welchen eine eigens zu seiner Ausarbeitung eingesetzte Kommission dem preußischen Könige unterbreitete, war die einzige positive Bestimmung die Aufhebung der Solidarhaft — so bedeutet dies, daß die Juden in den Vorstellungen der Umwelt ihren Charakter als Fremde zu verlieren begannen uml wenn auch noch nicht voll, ais zugehörig empfunden wurden. (Umgekehrt ist es stets Merkmal der antisemitischen Agitation gewesen, eine Solidarität aller Juden zu vermuten oder sogar vorauszusetzen: so wurden in der Zeit der Reaktion nach den verschidenen Kriegen, als jeweils eine starke Judenfeindschaft ausbrach, „die Sünden Einzelner .... der ganzen Judenheit, ja dem Wesen des Judentums aufgebürdet". Entsprechend dejr Zerteiltheit der deutschen Judenheit in zwei Schichten war auch die Stellung -der Umwelt zu ihr eine geteilte: während die reicheren und fortgeschrittenen Juden schon sehr frühe „günstige*4 Aufnahmebestimmungen genießen durften und ihnen gegenüber überhaupt eine freundschaftlichere Haltung eingenommen wurde,7) war man jj^gen den zurückgebliebenen orthodoxen Teil "feindselig gestimmt: bestenfalls, war man geneigt Bestimmungen zu treffen, welche ihm den Uebertritt m die moderne Kultur erleichtern sollten. Vielfach wurden denjenigen Juden, welche Künste, Wissenschaften und Großhandel trieben, völlige Gleichberechtigung mit den Christen gewährt, die Angehörigen der »niedrigen Berufe aber, "noch unter Ausnahmebestimmungen belassen, „eine Ausnahme, die gewiß im Grunde eine wohlgemeinte, im erzieherischen Sinne zum besten der Juden beabsichtigt war", (meint Philippsohn, I. S, 29.) Die Auszeichnungen, welche die Umwelt den „Aufgeklärten"" zuteilwerden ließen, mußten natürlich fördernd auf die Tendenz zur Assimilation wirken. Wenn wir die Judenheit der damaligen Zeit in einer Situation gestörten sozialen Gleichgewichts sehen, so hat dies seinen Grund darin, daß einerseits im Bestreben die völlige Anerkennung als Mitbürger, &. h. die gesellschaftliche und auch die gesetzliche Gleichebrechtigung zu erwerben, jede Rücksicht auf die überkommenen Normen und Vorstellungen fallen gelassen, andererseit von den konservativ Gesinnten, vor allem von den Rabbinern, der drohenden Gefahr der Auflösung des Judentums mit gesteigerter Energie entgegengearbeitet wurde. Die Massentaufen im ausgehenden 18. Jahrhundert sind der eklantanteste Ausdruck der einer*, die krampfhafte Auflehnung der orthodoxen Rabbiner gegen jede Neuerung deutlichstes Kennzeichen der anderen Richtimg. Naturgemäß bildete sich eine lange Reihe von Zwischenstufen. . ' » Von großer Bedeutung für die Weiterentwicklung der deutschen Judenheit sind die Reformbestrebungen geworden, das sind die Versuche jener Zeit.»*die jüdische Religion dem herrschenden Geschmack und den herrschenden Vorstellungen ästhetischer und religiöser Art anzupassen. Das W irken der Neuerer verlief in der Richtung einer möglichst weitgehenden Anlehnung des jüdischen Kultus an den christlichen Gottesdienst. Zu der ehedem ausschließlich hebräischen Gebetssprache traten deutsche Predigt, deutscher Gesang und Orgel. Auch deutsche Gebetbücher wurden heraus- 7) Als nach dein siebenjährigen Krieg in den größeren Städten Preußer.s eine Schicht indischer Millionäre entstanden war. welche an Bildung o-rd L'rngaiisiormen sich der Umwelt angeglichen hatten, bildeten sich die bekannten ..Salons4*, von reichen jüdischen Frauen geleitet in denen ein ..geisrigangeregtes. geselliges Leben4' herrschte, getragen von den ersten geistigen Größen der deutschen Kultur: so verkehrten im Salon der Henriette Herz neben vielen andern Schleiermacher, Wilhelm von Humboldt der Bildhauer Schadow. Friedrich Schlegel, Graf Mirabeau: auch Charr.isso. Jean Paul und Schiller suchten diesen Salon auf. Im Salon der Rahel Lewin verkehrte sogar ein Hnhenzollerr.prinz.

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