Der jüdische Student
- Journal
- Der jüdische Student
- Volume
- 20 (1923)
- Issue
- Heft 5 (November 1923)
- Date
- 1923-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Parteibestrebungen im Jeut^ehen Judentum. 145 stehen sie aus politischen Gründen auf der Seite des Reiormjüdentimis {auch „liberales Judentum4* genannt). Der Zionismus schließlich rekrutiert sich aus Angehörigen aller religiösen -Richtungen. >* Es entstanden in kurzer Zeit zwei sich entgegenstehende Lager -im deutschen Judentum: die Vornehmen und die Intellektuellen, welche «sich an die deutsche Umwelt angenähert hatten und eine breitere Schicht der ärmeren jüdischen Bevölkerung, die in Anhänglichkeit an das traditionelle Judentum und dessen Vertreter, die Rabbiner, beharrte. ,in jeder größeren Gemeinde entstand gegenüber den „Frommen4* eine Partei der „Aufgeklärten", der „Neuerer": das Schlimme war, daß diese Letzteren gewußt •oder unbewußt, meist nicht den allmählichen Ausgleich zwischen - dem überkommenen Judentum und den modernen Geist auf historischen Boden anstrebten, sondern die gesamte jüdische Ueberlieferung, wie toten, lästigen Ballast über Bord warfen44. (M. Philippsohn, „Geschichte d. jüdischen Volkes" I. 52.) Eine typische Erscheinung ist es, daß die Rabbiner der Aufklärung den schärfsten Widerstand entgegensetzten und sogar gegen gesetzliche Verbesserungen der Lage der Juden auftraten, wenn damit irgendeine Bedrohung des Ueberkommenen verbunden gewähnt wurde. (S. z. B. Pbiiippsolm I, S. 43). Sie, „die von der Welt nichts wußten, achteten Jediglich auf strenge Befolgung der Zeremonialvorschriiten und Verbannung jeder Spur außer religiöser Bildung..... Während die französische Revolution die bisherigen Grundfesten des Lebens erschütterte und eine neue Welt der Tat und des Gedankens entstand ließen die Rabbiner mit ihren Bachurim nicht von ihrem Thema ab. Die Rabbiner waren die Träger eines heftigen Kampfes gegen die Reform, für welchen sie sogar die internationale Basis schufen. — Diejenigen jüdischen Kreise, welche sich der Umwelt genähert hatten, sahen bald eine tiefe Kluft zwischen sich und der armen jüdischen Bevölkerung, die sich in dem Maße „erweiterte und vertiefte, als jene sich die moderne Bildung zu eigen, machten, während diese anderen in der Unwissenheit, in der Beschränktheit und der Enge ihrer alten Verhältnisse zurückblieben.*! Während bei" den ärmeren Schichten noch das Bemühen obwaltete die gemeinschaftliche Geschlossenheit zu erhalten und gegen alle fremden Einflüsse zu verteidigen, „galt es für die reichen und gebildeten Juden, möglichst auffällig von der armseligen Menge ihrer Glaubensbrüder abzurücken, der Gesellschaft der Christen gewürdigt zu werden, ihr Judentum möglichst in Vergessenheit zu bingen". Massenhaft taten sie auch den letzten Schritt, indem sie sich zur Taufe drängten. Während „die große Menge, arm und unwissend, von den Nationen durch den besonderen mit hebräisch durchsetzten Jargon getrennt wurde, Schulen, außer einigen hebräischen Chedarim" nicht besaß, schafften die Wohlhabenden für ihre Kinder Hauslehrer an und gründeten die weniger bemittelten unter den Assirailationsjuden Schulen, in welchen auch christliche Schüler Aufnahme fanden (erste Schule 1801 in Seesen). „Die jüdischen Lehrer dieser Anstalten wurden eifrige^Vorkämpfer der allgemeinen Bildung und der Kultusreform und ihre Schüler bildeten bald eine zahlreiche Phalanx von „Aufgeklärten44 innerhalb der jüdischen Gemeinden44 (Philippsohn I, S. 37). Die erste Forderung der jüdischen und nichtjüdischen Anwälte der Judenheit ging auf Aufhebung der entehrenden Sonderbestimmungen des Leibzolls und der solidarischen Haft. Diese beiden Einrichtungen beleuchten wohl am deutlichsten den Sinn der sozialen Sonderstellung, welche die Juden bisher in Deutschland und den andern europäischen Ländern innegehabt hatten. Simrrsel stellt fest, daß die fixen Judensteuern, zu denen der Leibzoll zu rechnen ist. Ausdruck dafür gewesen seien, daß die Juden als Fremde betrachtet wurden. Fremde wurden „eigentlich nicht als Individuen, sondern als die Fremden eines bestimmten Typus überhauüt empfunden". Es war ..die Steuer für jeden einzelnen Juden ein für allemal festgelegt. Diese Fixiertheit beruht darauf, daß der Jude seine soziale Position als Jude, nicht als Träger bestimmter sachlicher Inhalte hatte". (Simmel. ..Soziologie*' S. 691) — das gleiche gilt für die solidarische Haft,