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Der jüdische Student · 1923-11-01 · Heft 5 (November 1923) · p. [Seite]

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Journal
Der jüdische Student
Volume
20 (1923)
Issue
Heft 5 (November 1923)
Date
1923-11-01
Page
[Seite] (sequence 20)
Language
German
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\44 Die Parteibestrebungen im deutschen Judentum. Jfremdung vornehmlich auf ihrer "Reehtslosigkeit und Irörgerhches Erniedrigimg beruhen, in den höheren Kreisen der Berliner Gesellschaft machte «sich schon eine Annäherung zwischen Juden und Christen bemerkbar.. in den 1780er-Jahren war -der „Berliner Salon" im Entstehen begriHen, wo -sich die Vertreter der christlichen und jüdischen Aristokratie zusammenfanden. . . ." (Dubnow I, S. 19 ff.) Für die reichgewordenes Juden machte der König eine Ausnahme von dem harten Judenreglement, indem er ihnen Generalprivilegien nach den Rechten der christlichen Känfleme erteilte". (Dubnow.)5) •«* So bereitete sich die gesetzliche ^Emanzipation der Juden durch gesellschaftliche und kulturelle Annähenmg und teilweise Assimilation ihrer oberen Schichten an die iJmwelt vor. Die beiden sozialen Gebilde der Jüdischen und der deutschen Gesellschaft berührten sich zunächst an ihren Spitzen, jdann an immer breiter werdenden Flächen. Die national-religiöse Tradition verlor ihre Bedeutung als konstitutiver Faktor der jüdischen Gemeinschaft - _ " Wie jede „Erneuerung" einer Gemeinschaft diese in Schichten der verschieden intensiven Anteilnahme an dieser Erneuerung spaltet, so wurde auch durch die verschieden stark zur Auswirkung gelangende Assimilationstendenz das bisher einheitliche Judentum differenziert. Ruppirr*) unterscheidet („Juden d. Gegenwart", S. 10—15) -vier Schichten in der heutigen Gliederung in der Gesamtjudenheit, die nach ihrer religiösen Stellusus: als ..orthodox", „tolerant", „freigeistig'* und „irreligiös" bezeichnet , werden. Diese Scheidung trifft — natürlich mit anderer statistischen Zusammensetzung — auch für das deutsche Judentum der ersten tAssimilatißsszeit zu und wir haben in diesen Schichten, wenn wir ihre religiöse Bestimmung . durch die damals damit verbundene Bestimmung aller jüdisch-nationalen Momente ergänzen, teilweise die Grundlage zu den heutigen Parteibestrebungen im deutschen Judenrum vor uns, wie noch nachgewiesen werden -soll. Aus der Schicht der „toleranten" und der „freigeistigen" Juden leitet sich das „Reformjudentum", aus der Schicht der „orthodoxen** die „♦Neuorthodoxie" ab. E^e „Irreligiösen" gehen teils dem Judentum verloren, teils s) Deutlichster Ausdruck der sich vollziehenden sozialen Annäherung ist das Aufkommen von Mischehen zwischen Juden und Nichtjuden. Jeder Stand hat die Neigung seine Mitglieder nur unter sich heiratea zu lassen. Diese Tatsache, die für den Adel als gültig allgemein bekannt und hier auf die Idee der ».Ebenbürtigkeit" zurückgeführt wird, (s. Simmel -„Soziologie" S. 741) gilt für alle Stände, sofern sie mit dem Bewußtsein der Individualität ihres Standes ausgezeichnet sind: also in starkem Maße auch für die unteren Stände; eine Prolet ariertochter, die in den bürgerlichen oder adeligen Stand „einheiratet", erscheint den Angehörigen ihres ehemaligen sozialen Kreises als Abtrünnige oder gar als Verräterin: es entsteht eine Beziehung der Fremdheit, welche durch die ehemalige Nähe^ affektbehaftet, d. h. zur Feindschaft wird, wenn auch häufig nur in der gemäßigten Form des Mißtrauens. — Weniger gilt dies bei den bürgerlichen Schichten, die nicht in gleichem Grade mit dem Bewußtsein ihrer sozialen Geschlossenheit ausgestattet sind, sondern sich meist — wenn auch nur in antizipieren- -der Vorstellung — mit den höheren Schichten verbunden fühlen. Die Idee der „Mischehe" ist wohl ines dr sichersten und deutlichsten Anzeichen des Standesbewußtseins. — Wenn nun die jüdischen Historiker feststellen, daß es in der Zeit der Aufklärung das Bestreben der reichgewordenen jüdischen Töchter gewesen sei, in die höheren Schichten der wchrjüdischen Bevölkerung einzuheiraten, so bedeutet dies ein Schwinden des Willens zur sozialen Sonderexistenz. des jüdischen Nationalbewußtseins {welches hier gleicherweise die Rolle des Standesbewußtseins spielt). *) Ruppin zitiert („Die Juden der Gegenwart", S. 9) einen Brief Chodowieckies, weicher aussagt, daß die oberen Schichten der Berliner Juden sich nicht mehr um die Religionsgeselze kümmern, ..nur der Pöbel"sei noch orthodox".

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